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Es war an
einem Donnerstag. Donnerstag war Esthers freier Tag. Immer. Das, so pflegte
sie zu sagen, war ihr Kompromiss mit der Tatsache Arbeit: der freie Donnerstag.
Ein freier Donnerstag ist viel wert.
Erstens:
Man kann am Mittwochabend lange weggehen, ohne Rücksicht auf das
Morgen. Das können viele andere nicht, und am Mittwochabend trifft
man in den Lokalen der Stadt eine ganz eigene Sorte Menschen. Mittwochabend
ist der Abend der Freaks. Immer was los und immer sehr bunt. Und man kann
am nächsten Tag ausschlafen.
Zweitens: Die anderen sitzen am Donnerstag in der Arbeit. Im Hallenbad
herrscht im Sportbecken gähnende Leere, man kann völlig stressfrei
zum H&M einkaufen gehen, keine Warteschlangen vor den Umkleidekabinen,
man kann in aller Ruhe beim Media Markt Musik hören, oder aber man
kann sich ins Kaffeehaus setzen und gemütlich die Zeitung lesen.
Überall ist Platz, denn die anderen sitzen ja im Büro.
Drittens: Am Donnerstag ist auf der Hausstrecke so gut wie nichts los.
Am Donnerstag kann man dort beim Wirten in Ruhe am späten Vormittag
sein Cola trinken. Und zum Topfenstrudel gibt es am Donnerstag besonders
viel Vanillesoße dazu.
Mit ihrer
Lieblings-Kaffeetasse in der Hand stand sie an diesem Donnerstag im Bademantel
um halb zehn am Küchenfenster und blickte Richtung Westen. Gestern
war sie mit Helena im Fitness-Studio gewesen. Helena hatte sie überredet,
denn, so sagte diese am Telefon, da seien am Mittwoch immer diese drei
Typen, und bei denen könne sie sich nie so recht entscheiden, welcher
der drei wohl die beste Wahl wäre: der eine mit den mördermäßig
breiten Schultern und der tätowierten Sonne am Rücken, puh,
oder doch der mit den sagenhaft grünen Augen oder aber der Rotblonde,
rotblond, uiuiuiuihhh ...!
Helena war bald 37, und sie suchte dringend einen Mann. Arme Helena.
Das Wetter sah fein aus. Durch die frischen, noch jungen Blätter
des Ahornbaumes präsentierte sich der Frühlingstag in seinem
schönsten Blau. Der Blick aufs Thermometer verriet hchst vielversprechende
17 °C. Es würde ein guter Tag werden.
Mit einem zuversichtlichen Lächeln stellte sie die halbvolle Tasse
Kaffee auf den Küchentisch. Sie war gelb und wild verziert mit rosaroten
Blumen - ein Geschenk von Babsi, der Arbeitskollegin aus dem Restaurant
des Möbelhauses. Es war ein Geburtstagsgeschenk gewesen, voriges
Jahr oder das Jahr zuvor, wer weiß das schon so genau.
"Vielleicht bist du in der Früh besser drauf, wenn du rosarote
Blumen siehst", hatte Babsi gemeint. Doch Esther frühstückte
an Arbeitstagen nie zu Hause, und ihr erster Kaffee war der aus dem Kaffeeautomaten
im Möbelhaus. Ein brauner Plastikbecher ist ein brauner Plastikbecher.
Rosarot
gibt's nur am Donnerstag. Und manchmal am Wochenende.
Das Hallenbad
konnte heute getrost ausfallen, schließlich war sie erst gestern
im Fitness-Studio gewesen. Für die Sachen vom H&M müsste
sie zwei oder drei Kilo abnehmen, und für einen entspannten Einkaufsbummel
in der Musikabteilung war derzeit kein Geld vorhanden. Ob auf der Hausstrecke
der Rollsplitt wohl schon weggeräumt war? Sicher, immerhin war es
Mitte April.
Ja. Genau. Heute sollte die erste Ausfahrt der Saison sein. Hausstrecke,
eh klar, eine Stunde hin, eine Stunde zurück, dazwischen ein kleiner
Imbiss beim Wirten und alle Ruhe der Welt auf dem Extratisch am Rande
des Parkplatzes unter der Linde.
Der Kaffee wanderte neben die Pizzareste von Dienstag. Sie öffnete
den Kleiderschrank, nahm Jeans, Pullover, Jacke, Helm, Handschuhe, feste
Schuhe und Halstuch heraus, packte die Fisherman's Friends in die Jackentasche
(die grünen!) und verließ keine zehn Minuten später die
Wohnung. Sie sperrte die Wohnungstüre zu, stieg beschwingt die paar
Stufen zur Haustüre hinunter und bog nach rechts auf den kurzen Weg
zur Straße ab.
Bedächtig legte Esther den schwarzen Sturzhelm auf die Sitzbank und
tätschelte den Kotflügel der Duke.
Ein feines
Moped. Und so schön.
Das Arbeiten
hatte schon seinen Sinn.
Gerade als sie die Handschuhe anziehen wollte, schälte sich zwischen
dem Violett des Flieders der dunkelblond gefärbte Kopf der Frau Nachbarin
hervor, sie öffnete das Gartentor, fesch sah sie aus in ihrer neuen
Frühjahrsgarderobe. Ihr Pekinese wuselte hinterher. Esther mochte
die Frau Nachbarin. Ihren Pekinesen mochte sie nicht, denn er pinkelte
mit Vorliebe auf das Hinterrad der Duke.
"Esther, schön dich zu sehen." Die Frau Nachbarin war gut
gelaunt. "Wo fährst du denn hin ... so alleine?"
Sie war eine neugierige Person, wusste Bescheid, wenn in der Gasse ein
fremdes Auto parkte, und wenn das Auto über Nacht in der Gasse parkte,
dann wusste sie erst recht Bescheid. Dreimal am Tag ging sie mit ihrem
Pekinesen spazieren, und bei diesen Gelegenheiten sah sie eine Menge.
Und erzählte auch eine Menge. Man kannte sich gut in der Gasse.
"Wissen sie", sagte Esther und suchte in den Jackentaschen nach
dem Zündschlüssel, "wissen Sie, manchmal ist es ganz gut,
alleine eine Runde zu drehen." Die Frau Nachbarin sah sie verständnislos
an. "Außerdem gibt es beim Wirten immer was zu sehen."
Die Frau Nachbarin blickte weiter verständnislos.
Esther holte weiter aus: "Sehen Sie, ich hab keinen Hund, ich hab
ein Motorrad. Aber das Prinzip ist dasselbe." Die Miene der Frau
Nachbarin erhellte sich. Sie nickte wissend, und für einen Augenblick
herrschte so etwas wie stilles Einverständnis zwischen den beiden
Frauen.
Der Zündschlüssel war in keiner der beiden Jackentaschen zu
finden. "Wo hab ich denn ...?" Es war immer dasselbe. Auch im
Sturzhelm lag er nicht. Die Frau Nachbarin musterte erst Esther und dann
das Motorrad. Ihr Blick blieb am Zündschloss hängen: "Ich
glaube, er steckt."
Tatsächlich.
"Na, dann wünsch ich einen schönen Tag", meinte die
Frau Nachbarin und zog ihren Pekinesen weg, bevor er sein Vormittagslackerl
auf dem Hinterrad der Duke verrichten konnte.
Sie verließ die Stadt Richtung Süden. Der Tag war gut. Es war
Donnerstag, und es war die Hausstrecke.
Wenige Kilometer vor der letzten Abzweigung zum Wirten sah sie im Rückspiegel
die rote Ducati. Sie kam nicht schnell näher, aber sie kam näher.
Esther gab Gas. Die Ducati blieb dran. An der Kreuzung bogen sie gemeinsam
ab, und auf der langen Geraden vorm Wirten machte die Duc keinerlei Anstalten
zu überholen. Hatten sie den gleichen Weg?
Der Parkplatz beim Wirten war groß und leer. Esther stellte die
Duke neben dem Eingang ab. Die Ducati (eine 999er, da schau her!) parkte
sich zwei Meter neben ihr ein.
Bitte
sag kurz Hallo und setz dich an einen anderen Tisch. Ich hätte gerne
meine Ruhe. Nichts für ungut.
Der Typ klappte
den Seitenständer aus, nahm den Helm ab und grinste breit herüber.
"Ganz schön schnell unterwegs, was?" Esther schenkte ihm
ein unverbindliches Lächeln. Sollte sie ihn kennen? Nein, noch nie
gesehen. Also dann. Gedankenverloren murmelte sie "Danke, geht so",
stieg vom Motorrad, zog den Zündschlüssel ab (jawohl!), stopfte
ihn gemeinsam mit den Handschuhen in den Helm und steuerte auf die Eingangstüre
zu. Der Ducati-Fahrer blieb neben ihr. Was???
Esther
nahm den Weg zum Damenklo.
Elegant
abgebogen.
Erleichtert
bestellte sie einen Kaffee, zahlte gleich und verließ die Stube,
um im Gastgarten Platz zu nehmen. Die Sonne war hell, und sie musste die
Augen zusammenkneifen, als sie aus dem Haus trat, um sich zu ihrem Donnerstags-Lieblingstisch
aufzumachen. Der Tisch unter der Linde stand abseits und war an sich den
Wirtsleuten vorbehalten, aber das galt nur am Wochenende, unter der Woche
galten andere Gesetze.
Als sie ums Eck ging, saß er schon dort. Auf ihrem Tisch. Der Typ
mit der 999er. Vor ihm am Tisch ein Kaffee und daneben ein Päckchen
Marlboro. Medium.
Gut. Dann soll es eben so sein.
"Darf ich?" Sie setzte sich zu ihm auf die Bank. Er rutschte
zur Seite und sah sie überrascht an. "Äh, hallo."
Ein wenig nervös griff er zu seinen Zigaretten und vergaß nicht,
ihr auch eine anzubieten.
"Magst eine Zigarette zu deinem Kaffee?"
"Ja, gerne. Ist meine Lieblingsmarke."
Er gab ihr Feuer. Nach einer Weile sagte er etwas von wegen schönes
Wetter heute, und sie sagte etwas von, ja endlich, war auch Zeit, dass
der Winter zu Ende geht. Er stellte sich als Herwig vor, und er machte
irgendwas mit Marketing und war selbstständig, wohnte und arbeitete
hier in der Gegend, und deswegen konnte er sich hin und wieder den Luxus
leisten, am Donnerstag eine Runde auf seiner Hausstrecke zu drehen. Esther
hörte zu und sagte selber nicht viel.
Als die Zigarette geraucht und der Kaffee getrunken war, stand sie auf
und verabschiedete sich mit einem: "Na, dann. Ich werde mich wieder
auf den Weg machen."
"Moment", unterbrach sie der Ducati-Fahrer, griff in seine Jackentasche
und berreichte ihr eine Visitenkarte. Seine blauen Augen strahlten.
"Wenn du Lust auf eine Runde hast und nicht alleine fahren magst,
dann meldest dich halt bei mir."
"Oh, ja, danke. Schauen wir einmal. Bis dann. Gute Fahrt noch."
Esther nahm den Helm, hob die Hand zum Gruß und verschwand hinter
dem Haus. Komischer Kauz. Aber sympathisch.
Sie fuhr dieselbe Strecke zurück, die sie gekommen war.
***
Es folgte
ein ereignisloses Wochenende. Sebastian, Esthers aktueller Liebhaber,
war wie so oft nicht erreichbar, Helena befand sich mit der Firma auf
einem Incentive-Wochenende in den Bergen (und hatte ihre schickste Garderobe
dabei, man weiß ja nie, was dort für Männer sind), Kurti
war mit Freunden am Gardasee zum Motocrossen (denn in Italien, so sagte
er, gäbe es die schönsten Frauen), Martin war in Amerika (er
war im Jänner zu einem großen Softwarehaus nach Kalifornien
gewechselt und arbeitete dort an der 3D-Programmierung virtueller Motorradrennen)
und Alexia besuchte einen Stepptanzkurs.
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