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"People
try to put us down!! - talking 'bout my generation..." Mit an Verbissenheit
grenzendem Ehrgeiz versuchte Herwig, das windmühlenartige Armkreisen
des legendären "Who"-Gitarristen Pete Townshead zu kopieren
und dabei noch die richtigen Akkorde zu treffen! Mit einer Mordswut im
Bauch, was dem Hardrock ja bekanntlich auch die letzte Würze verleiht.
Man folgte
als Spätpubertierender gerade dem Geist des Jahres 1968 und man hatte
sich der Revolution verschrieben, die genau genommen allerdings überall
anders stattfand, nur nicht hier im Kleinstädtchen. Die Ursache von
Herwigs Zorn: "Mit der Haarlänge brauchst gar nicht zur Prüfung
antreten!" hatte ihm vor einer Stunde sein Fahrschullehrer offenbart.
Dabei war der Haarschnitt gerade so, dass man heute als "Mamas Liebling"
problemlos durchgehen würde. Ein paar Zentimeter hingen sie halt
über die Ohren. Also so Beatles-in-den-Anfangszeiten-mäßig.
Was schlimm genug war, sah sich Herwig doch eher bei der harten Fraktion
und die Beatles waren für ihn eher Weicheier, auch wenn dieser Ausdruck
erst viel später geboren wurde. Stones, Who, Doors und Hendrix waren
angesagt.
Erst letzte Woche hatte er bei der Halbkommerzband gekündigt, bei
der sein Schulkollege Manfred trommelte. Jener Manfred, der gerade seine
ersten Erfolge auf dem Weg zum heute bedeutendsten Geschlechtsteilkarikaturisten
feierte, indem er seine Studien und Skizzen in Religions- und Deutschbüchenr
verewigte und damit seinen Gymnasialabgang drastisch beschleunigte. Dieser
Manfred ist ja bis heute auch einer der bekanntesten Beach-Boys-Fans,
aber siebzehn Beach-Boys-Happy-Songs in einer Nacht waren einfach zu viel!
So oft konnte Herwig gar nicht "Good Vibrations" absingen, damit
sich die auch einstellten. Da scheiterte sogar die Autosuggestion! Nein
- Jimy's "Stone Free" und Eric Burdon's "Sky Pilot"
wollte Herwig spielen und "Wind Cries Mary", weil sein aktueller
Schwarm gerade Maria hieß, und man sang immer einen Song für
den aktuellen Schwarm! Und ohne der Hymne "My Generation" brauchte
man im Beat Club gar nicht antreten!
Auch seine bis dahin erfolgsversprechende Karriere als Jugend-Tormann
beim städtischen Traditionsklub erfuhr dank der neuartigen Rauchstoffe
einen für die Trainer völlig unerklärlichen Knick, und
statt den elternseits angepeilten standesgemäßen "Good
Girls" vom Maturaball machte er deutlich konkretere Erfahrungen mit
den zu "In-A-Gadda-Da-Vida" dahinschwebenden Hippiegirls. München,
Amsterdam und London wurden in den kommenden Jahren zur zweiten Heimat.
Und er erlebte drastisch, was es heißt, "ausgegrenzt"
zu werden. Plötzlich waren er und seine Gesinnungsgenossen "Gesindel,
das in ein Arbeitslager gesteckt gehrt", in den meisten Lokalen
waren sie "unerwünscht" und die exekutierende Obrigkeit
hatte sie konstant unter Beobachtung - "Big Brother" war ein
billiger Abklatsch dagegen. "People try to put us down!" Roger
Daltrey wusste anscheinend, wie es ihnen erging.
Im elterlichen
Keller werkte Herwig seit Monaten an einem bis zur Unkenntlichkeit zerknüllten
3-Gang-Renault herum, um diesen bis zum Führerschein nicht nur wieder
fahrtüchtig, sondern auch zu einem unvergleichlichen Kult-Prunkstück
zu machen! Ein eigenes Auto mit achtzehn war keine Selbstverständlichkeit
in dieser Zeit. Was aber langsam voran ging, denn einen Teil der neben
Proben und Hippiegirls verbleibenden Freizeit musste er zwangsweise auch
in seine Puch-Mopetten investieren, da sich diese den andauernden Tunings
immer öfter nicht mehr gewachsen sah und mehr und mehr Pflegezeit
verschlang. Sport-Vergaser und aufgebohrte Zylinder machten zwar schnell,
aber nicht standfest. Man sollte die "Roaring Sixties" schließlich
auch via Auspuff hören können.
Just zu diesem Zeitpunkt erlebte auch die lokale Moto-Cross-Szene einen
Höhenflug. Die Truppe rund um Altmeister Rudi, der es mit seiner
650er ESO sogar zu nationalen Meisterehren brachte, entdeckte die Vorzüge
neuartiger Metisse-Rahmen, in die man die bewährten Triumph-Motoren
steckte, wodurch man gegenüber der Konkurrenz einfach besser bewaffnet
war.
Und so hing Herwig auch hin und wieder, wenn gerade kein Hippiegirl bei
der Hand und keine Probe angesagt war, in Rudis Werkstätte herum,
weil da neben ein paar echt brauchbaren Tuning-Tipps für die Puch
und billigen Marlboros von den Ostblockrennen auch hin und wieder ein
Helferlein-Job auf der lokalen Cross-Bahn drinnen war (die sinnigerweise
auf dem Truppenübungsplatz angesiedelt war, wogegen er aber dem Bundesheer
mittels ausgeklügelter Taktik gerade ausgekommen war!). Und diese
Helferlein-Jobs hatten den Sinn, dass er hin und wieder aufsteigen durfte
auf so ein Triumph-Metisse-Heiligtum.
Tja, und irgendwann fiel ihm eines der nutzlos gewordenen Triumph-Gestelle
in die Hand und ein wenig später erbte er noch einen ausgebrannten
Motor dazu und nach Monaten der Verzweiflung und etlichen unchristlichen
Flüchen lief das Ding dann tatsächlich. Zwar waren so Nebensächlichkeiten
wie Bremsen et cetera noch weit weg von echter Funktionalität (was
ihm auch gleich seinen ersten spektakulären Einschlag in Nachbars
Gartentor bescherte!) - aber das Ding lief!
Etwa in dieser Zeit muss er sich dieses Virus eingefangen haben, das ihm
bis heute zahlreiche Arztbesuche und einige Krankenhausaufenthalte bescherte
und für das es immer noch kein wirksames Gegenmittel gibt. Chronische
Versteifung und gestörte Motorik im rechten Handgelenk als Folgeerscheinung
inklusive.
Die Verursacher-Triumph hauchte bald darauf in einem bösartig platzierten
Schützengraben auf der Crosstrecke am Truppenübungsplatz endgültig
ihr Leben aus - ein Schlüsselerlebnis, das ihn endgültig zum
Pazifisten werden ließ. Gekämpft wurde fortan nur noch auf
den Straßen des Voralpengebietes - und zwar um Bremspunkte und Schräglagen.
Die Führerscheinprüfung wurde wie vorhergesagt tatsächlich
zur Folter und hatte mit der StVO nur wenig zu tun. Deshalb holte er seinen
Motorradführerschein erst zehn Jahre später nach, nachdem die
inoffiziellen Rennen gegen die 360er Hondas der "weißen Mäuse"
immer härter wurden, weil die Herren von der Exekutive auch schön
langsam fahren lernten.
Vieles hat sich geändert seither. Die Medizin sucht noch immer nach
dem Virus, das sich seit damals stetig verbreitet, die Bullenreiter haben
fahr - und motorradtechnisch gleichgezogen und lange Haare sind heute
auch keine Aufreger mehr.
Und selbst die "Beach Boys" haben im Laufe der Jahre ihren Schrecken
verloren...
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