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Nachdenklich
gurkte Herwig durch den südlichen Wienerwald. Die Euphorie, SIE zu
treffen war wie verflogen. Tagelang war sie ihm nicht aus dem Kopf gegangen
und nun fühlte er sich dumpf, nervös und ängstlich. "Was
tu ich da?" fragte er sich selber immer und immer wieder. "Könntest
du dich ein wenig aufs Fahren konzentrieren?" meldete sich zwischendurch
der für die Realität zuständige Gehirnteil. Wovor hatte
er denn Angst? Er würde bald die Frau treffen, die er noch gestern
als "ideal" bezeichnet hatte: hübsch, zierlich, frech,
selbstbewusst und noch dazu eine ziemlich gute Motorradfahrerin!
Er versuchte zu orten, was es sein konnte, das ihm so sehr Angst machte.
Genaugenommen aber wusste er es ohnehin. Es war wieder einmal die Angst
vor der Zurückweisung. Seit seiner Scheidung war er ein wenig zaghaft
geworden in Sachen Frauen. Nicht, dass es da nicht welche gegeben hätte,
aber die Trennung von seiner Frau hatte ihn ziemlich aus der Bahn geworfen.
Sie kam völlig überraschend für ihn. Ein Jahr leiden und
dann allmählich der Aufbau eines neuen Lebensraumes und langsam wieder
lebendig werden. Aber die Vorsicht hatte von ihm Besitz ergriffen.
Bislang hatte er Gefühle Frauen gegenüber abgewürgt. Er
wollte einfach nicht. Und zugegeben: Diejenige, mit der er sich wirklich
was Intensiveres vorstellen hätte können, war noch nicht dabei
gewesen. Also blieb es bei netten Unverbindlichkeiten. Jetzt aber ging
es um was. Um was? Herwig schüttelte über sich selbst den Kopf.
Verdammte Nachdenkerei immer...
Er hatte noch Zeit. Viel zu früh war er abgefahren, um nur ja rechtzeitig
zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen. Er beschloss, im Gastgarten am
Stadtrand noch eine Kaffeepause einzulegen. Gedankenverloren starrte er
beim großen Braunen auf die brandneue Multistrada. "Irgendwie
ein geiles Gerät" dachte er. Er hatte taktiert. Wieder mit einem
Supersportler aufzutauchen, hätte ihn in ein zweirädriges Eck
gestellt, das bei einer Duke-Fahrerin vielleicht gar nicht so gut ankommen
würde, und da ihm sein Kumpel Karl sowieso ein Wochenende mit der
Multistrada angetragen hatte, nutzte er die Gelegenheit. Er hatte auch
das Kampfleder mit den abgeschliffenen Kniebacken gegen ein seriöses
getauscht und statt dem Streetfighter-Helm den soliden Carbon-Deckel gewählt.
Er war angespannt. Wie verhalte ich mich? Erst hatte sie länger nichts
von sich hören lassen, und just als Herwig das Ganze leicht verärgert
bereits abgehakt hatte, kam ihr SMS. War sie wirklich so beschäftigt,
oder hatte sie ihn zappeln lassen, war er heute gar Notnagel, weil sie
nichts Besseres vorhatte?
Andererseits: Was konnte schon passieren? "Schauen wir mal was kommt".
Und er nahm sich vor, die nächsten Kilometer ein wenig Gas zu geben
und sich der Fahrerei zu widmen. Dann wurde er nervös.
Als er vor der angegebenen Adresse die Duke am Straßenrand stehen
sah, stellte er die Multistrada daneben, stieg ab, entledigte sich des
Helmes und der Handschuhe und klemmte sich eine Marlboro-Light zwischen
die Lippen. Er war ein wenig zu früh dran. Er studierte die Namensschilder
neben dem Eingang. Ihren Nachnamen kannte er nicht. Nein, hier gab es
keine "Esther Irgendwas". Also warten.
Sieben Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt kam sie. "Sorry -
hab den Schlüssel nicht gefunden!" "Kein Problem",
antwortete Herwig und bemühte sich locker zu bleiben. "Wo soll's
denn hingehen?" fragte er. "Naja", erwiderte Esther, "ich
kenne da eine nette Hütte, dorthin brauchen wir eine knappe Stunde,
und dann könnten wir ja einmal ein ordentliches Frühstück
zu uns nehmen", antwortete sie, während sie sich startklar machte.
Herwig konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie das kräftige
Frühstück durchaus brauchen könnte. Recht ausgeschlafen
wirkte sie nicht und ein wenig angespannt schien sie auch zu sein.
Die Duke weigerte sich anzuspringen. "Mist!" durchfuhr es Herwig
und er sah sich den Rest des Tages schon wieder allein durch die Voralpen
ziehen. Sturzschalter, Seitenständer, Kupplung ziehen - alle "Standards",
die Schuld am fehlenden Zndstrom der Duke sein konnten, waren bereits
durchgecheckt. Kerze raus. Kein Zündfunke. Dann war wohl die Batterie
hinüber. Starthilfe? Keine Kabel. Herwig stellte sich gerade auf
eine längere Schrauberei ein, als sie meinte: "Ach was - ich
fahre einfach mit dir mit..."
Ups! Darauf war er nicht vorbereitet gewesen! Zuviele Stunden waren sie
in seiner Phantasie mit zwei Motorrädern in der Gegend herumgeglüht
und zudem fuhr Herwig eigentlich nie im Doppelpack! Nicht dass er es nicht
könnte, aber zu zweit zu fahren war denn doch eine ziemliche Umstellung.
Aufrechtere Haltung, runde Fahrweise, keine harten Brems- und Schaltmanöver,
andere Linie und mehr Sicherheitsreserven.
Na gut.... Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Herwigs Lieblingszitat
"Leben ist das was passiert, während man andere Pläne macht"
(frei nach John Lennon) es einfach auf den Punkt bringt. Er grinste.
War es die Vormittagssonne, die es immer heißer werden ließ
unter dem Leder? Eng an ihn geschmiegt, die Hände um seinen Bauch
gefaltet ("Verdammt, diese vier Kilo zuviel!"), ihre Schenkel
an seine gedrückt - er hatte Mühe, sich auf die Straße
zu konzentrieren. Aber es musste sein, schließlich wollte er hier
nicht den Deppen abgeben, und so begann er flotter zu werden. Ruhig und
routiniert zog er die "Duc" durch die Kurven und seine Sorge,
dass der gezähmte Motor dem Doppelpack nicht gewachsen sein könnte,
hatte sich auch bald verflüchtigt. Hin und wieder wies sie ihm an
Kreuzungen die Fahrtrichtung, und bald hatte er das Gefühl, als wäre
er immer schon zu zweit unterwegs gewesen. Er spürte sie kaum. Kein
zu frühes Aufrichten im Kurvenausgang, kein Helm-auf-Helm-Knallen
beim Anbremsen, und, als er merkte, wie sie begann umzulegen, als er einmal
ein wenig spät dran war, konnte er sich ein Grinsen nicht verhalten
und anerkennend klopfte er ihr auf den Schenkel.
Als sie den noch völlig leeren, friedlich in der Sonne liegenden
Berggasthof erreichten und von der Multistrada kletterten, gab er ihr
einen kumpelhaften Klaps auf die Schulter und sagte gutgelaunt: "Guten
Morgen! Was gibt's zum Frühstück?"
Sie lächelte gedankenverloren.
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