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Es war der
Sommer, in dem Esther fünf Jahre alt wurde. Es war ein heißer
Sommer. Damals fuhr sie mit den Eltern an den Wochenenden hufig an den
nahen Fluss. Dort hatten Freunde der Familie ein kleines Wochenendhaus.
Es stand auf Stelzen, denn es gab noch keine Kraftwerke, und Hochwasser
war das größte Abenteuer überhaupt.
Das Haus lag an einer Schotterstraße, die den Fluss entlang durch
die Auwälder führte. Im Garten wurde am Samstagnachmittag gegrillt,
die Erwachsenen saßen in der Wiese, rauchten Zigaretten und tranken
Bier. Esther und ihr Bruder Kurti vertrieben sich die Zeit mit Sandburgen
bauen und Fische fangen. Während die Erwachsenen bis spät in
die Nacht hinein feierten, mussten die Kinder um neun ins Bett. Sie erzählten
einander Gespenstergeschichten, so lange, bis sie einschliefen.
Sonntag
war der Tag der Familie.
Esthers Mutter
packte Fleischschmalzaufstrich, Brot und Himbeersaft in den Picknickkorb,
der Vater räumte einstweilen die Fahrräder vom Auto. Esthers
Fahrrad war rot, hatte Stützräder, und man konnte es zusammenklappen,
sodass es vorne im Kofferraum des VW Käfers Platz fand. Die Fahrräder
der Eltern wurden für den Transport auf eine gewagte Schweißkonstruktion
geschnallt, die das Hinterteil des Käfers entstellte. Kurti besaß
kein eigenes Fahrrad, er bevorzugte den Gepäckträger der Mutter.
Der sonntägliche Radausflug wurde von Esthers Vater angeführt.
Hinter ihm kam die Mutter. Sie schwatzte vor sich hin, Kurti schaute in
die Luft und kaute an einer Semmel. Esther strampelte hinterher.
Die Familie
ging auf Kaulquappen-Jagd.
Am Lenker
des väterlichen Fahrrades baumelte der Plastikkübel. In den
nahen Auwäldern gab es Tümpel, in denen kleine Fische, Molche,
Gelsenlarven und Kaulquappen wohnten. Diese ließen sich fangen und
nach Hause transportieren, in eine Wanne leeren und dann konnte man über
mehrere Wochen beobachten, wie ihnen Hinter- und Vorderbeine wuchsen,
wie sich allmählich der Schwanz zurückbildete und wie sie als
kleine Frsche aus der Wanne sprangen und dann als Halbwüchsige
auf der nahen Straße überfahren wurden.
An einer sonnigen Stelle am Flussufer hielt man Rast. Die Fahrräder
wurden abgestellt, der Vater lud Kurti und den Picknickkorb ab, die Mutter
verteilte Servietten und Becher und schmierte dicke Brote, auf denen noch
dicker der Fleischschmalzaufstrich klebte. Kurti bekam eine Banane in
die Hand gedrückt.
Esther blickte widerwillig auf den Gelatinerand in der Fleischschmalzdose
und erklärte, dass Gelatine aus Schweinsaugen gemacht wurde. Das
habe sie so im Kindergarten gehört, und sie werde das da sicher nicht
anrühren.
Solche Sachen mochte Esthers Mutter gar nicht gern. "Was auf den
Tisch kommt, das wird gegessen." Das hatte schon die Großmutter
gesagt. Doch Esther war ein stures Kind, und an ihrem Entschluss war nicht
zu rütteln. Nein, sie würde die Schweinsaugen-Gelatine nicht
essen. Sicher nicht.
Wenn sich die Mutter ärgerte, dann ärgerte sie sich. Sie war
Geschäftsfrau, und sie hatte ihre Prinzipien, und die galt es zu
respektieren. Hielt man sich nicht an ihre Regeln, dann wurde sie zornig:
"So. Und wenn du jetzt nicht sofort dein Brot aufisst, dann montier
ich dir die Stützräder am Fahrrad ab, und du kannst ohne sie
weiterfahren."
Das war zwar nicht unbedingt logisch, aber effektiv.
Esther sah zu ihrem Bruder. Der schaute mit vollem Mund und bananenverschmierten
Fingern in den blauen Himmel. Von dieser Seite war keine Hilfe zu erwarten.
Der Vater versuchte zu vermitteln: "Iss dein Brot auf, und dann fahren
wir weiter." Aber Esther tat nichts dergleichen und starrte trotzig
in die Wiese. Die Mutter blickte zum Vater. Der stand seufzend auf, kramte
aus der Satteltasche seines Fahrrades einen Universal-Gabelschlüssel
hervor und machte sich daran, die Stützräder von Esthers Klapprad
zu demontieren. Esther betrachtete demonstrativ den Fluss und beneidete
die Matrosen, die auf ihren Schiffen zum großen Meer fuhren.
Die Stützräder verschwanden im Picknickkorb.
"Die brauchst du nicht mehr, du bist alt genug." Der Vater war
besorgt. "Schau dir doch die anderen Kinder an, die fahren ja auch
ohne."
Die werden
schon sehen, was sie davon haben.
Die Eltern
schabten die Reste des Fleischschmalzaufstrichs aus der Dose in die Wiese
und platzierten Kurti auf dem Gepäckträger. Sie schnallten Picknickkorb
und Plastikkübel auf und bestiegen ihre Fahrräder. Esther machte
sich startklar für den finalen Unfall.
Es trat eine kurze Pause ein.
"Halt das einen Moment, bitte", sagte die Mutter zum Vater und
drückte ihm ihr Fahrrad samt Kurti in die Hand. Langsam ging sie
zu Esther, beugte sich hinunter und sagte leise: "Du fährst
so wie immer, und ich laufe mit und halte dich von hinten. Gut?"
Esther sagte nichts und betrachtete beharrlich den Fluss. "Geht schon",
flüsterte ihr die Mutter ins Ohr, "Abflug." Esther trat
in die Pedale. Die Mutter griff unter den Sattel und schob an, gemeinsam
bogen sie auf den Schotterweg ein. Esther stieg fester in die Pedale,
die Mutter wechselte in einen langsamen Trab, Esther strengte sich noch
mehr an, die Mutter fing an zu laufen, Esther gab alles.
Und dann schrie sie nach hinten zu ihrer Mutter: "Ich bin viel schneller
als du!" Keine Antwort. Mama? Mama??? Im scharfen Bogen bog sie rechts
in die Büsche ab.
***
Die Stützräder
wurden nie wieder montiert. Das war fortan was für kleine Babys.
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