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Die Duke
verweigerte. Komplett. Offensichtlich war die Batterie hinüber. Ohne
Batterie kein Zündfunke. Da nützt auch der Kickstarter nichts.
Sie war gar nicht so böse darüber. Erstens war sie noch nicht
ganz munter (sie war gestern mit dem Rotblonden aus dem Fitness-Studio
noch auf ein Bier gegangen), zweitens hatte sie keine Lust auf ein Duell
im Winkelwerk, und drittens saß sie nun bei Herwig am Sozius und
ließ sich chauffieren.
Er war ein guter Motorradfahrer. Er wusste, was zu tun war. Sie drückte
sich auf der Sitzbank eng an ihn, spürte die Vibrationen des Motors
unter sich und seinen Hintern zwischen ihren Beinen. Ihre Knie lagen an
seine Oberschenkel gedrückt, ihre Arme waren eng um seinen Bauch
geschlungen. Ihren Kopf hielt sie dicht neben dem seinen und ergab sich
den Kurven.
Beifahren ist ein Erlebnis mit Potenzial.
Was letzten
Endes zählt ist wie er fährt.
Es kann -
es kann! - ein großartiges Erlebnis sein, an das man sich noch Wochen
später gerne erinnert und dabei rote Wangen bekommt. Was gibt es
Schöneres, als sich einfach hinten draufzusetzen und ihn machen zu
lassen? Eben.
Allerdings: Allzu oft wird man als Beifahrer enttäuscht. Man weiß
es schon beim Aufsitzen: Das wird nichts. Der Beste wirkt unsicher, so,
als ob ihm das Motorrad zu groß, zu schwer oder überhaupt gänzlich
fremd wäre. Beim Anfahren fusselt er nervös mit, und bei der
Ampel sucht er nach dem Leerlauf. An der Stadtgrenze reißt er das
Gas auf, und vor der nächsten Kurve schleift er sich holprig ein.
Jessas! Angst zu haben am Motorrad ist nicht im Sinne des Erfinders. Ein
schlechter Fahrer ist ein schlechter Fahrer.
Das allzu sanfte Gegenteil ist nicht besser. Wir haben nichts gegen gemütliches
Dahincruisen einzuwenden. Zumindest dann nicht, wenn die Landschaft besonders
beeindruckend, das Abendlicht besonders rot, die Stimmung besonders romantisch
oder die Straße besonders gerade ist. Aber immer nur die sanfte
Nummer? Wenn sich die Straße den Berg hinaufzuwinden beginnt, wenn
der Kurvenradius enger und der Asphaltstreifen schmäler wird, dann
wünschen wir uns, dass die Drehzahlen höher, die Bremsmanöver
härter und die Schräglage atemberaubend wird. Kurz - dass es
zur Sache geht. Ordentlich. Zu langsam ist eben zu langsam.
Eine Spezies für sich bilden diejenigen, die einmal kurz andeuten,
das Gas aufreißen und sich dann aus irgendeinem undurchsichten Grund
wieder einbremsen. Sie lassen durchblicken, was sie könnten, wenn
sie wollten, das aber nur für die Dauer von drei oder vier Kurven.
Oben am Pass bleiben sie stehen, zünden sich eine Zigarette an und
möchten hören, dass sie ganz tolle Fahrer wären und dass
wir noch nie im Leben solche Kurven erlebt hätten wie mit ihnen.
Puh!
Dann gibt es auch noch die Überbemühten. Sie erkundigen sich
in regelmäßigen Abständen, ob das Tempo so recht wäre
und ob man sich eh wohl fühle. Anfänglich glaubt man noch, öha,
ein Aufmerksamer, da schau her. Passt schon, antworten wir, es wäre
alles in bester Ordnung, er solle nur einfach so weitermachen. Doch dann
bleibt er bei der nächsten Kreuzung stehen, fragt, ob die Sitzbank
nicht zu hart (oder zu weich?) sei, oder ob man vielleicht zur Entspannung
ein kurze Pause einlegen wolle. Nein, mach nur einfach weiter! Und dann
biegt er beim ersten Gasthaus ab und meint, er brauche jetzt eine kurze
Pause. Er habe die Strecke sehr genossen, aber nun wäre er erschöpft.
Na fein.
Und so fahren wir eben (immer häufiger) selber. Wir kennen die für
das eigene Wohlbefinden optimale Schräglage, wir wissen um den richtigen
Bremspunkt. Wir kennen das Motorrad, und wir kennen uns selber. Wenn man
alleine unterwegs ist, dann ist da keiner, der uns hetzt, keiner, der
irgendwo anders hin will, der eine Pinkel-, Tschik- oder sonstige Pause
braucht oder an der Kreuzung über seinen Reifen jammert. Störende
Überraschungen sind ausgeschlossen. Man ist mit sich alleine, und
man ist sich selber genug.
Manchmal allerdings, manchmal gerät man an einen, der wirklich fahren
kann. Einer, der sich und seinem Beifahrer nichts beweisen muss. Einer,
den ein bisserl Rollsplitt nicht aus der Fassung bringt. Einer, der ganz
und gar bei der Sache ist und an nichts anderes denkt, nicht an die Firma,
nicht an die Billard-Partie mit den Freunden gestern Abend und nicht an
die Nachbarn.
Wenn wir auf so einen treffen, dann lassen wir uns gerne verzückt
den Wind um die Nase wehen, freuen uns auf die nächste Kurve, genießen
die Landschaft, fiebern beim Überholmanäver mit und pressen
uns mit dem Oberkrper an seinen Rücken und mit den Schenkeln
an seine Schenkel.
Wie schnell eine Stunde doch vergehen kann.
***
Alles eine
Frage des Partners.
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