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Es war einer
dieser Tage, an denen auch gesetztere Streetfight-Veteranen auf Jagd gehen.
Herwig kribbelte es schon beim Frühstück. Er sagt nicht: "Morgen
ist Sonntag, die Wetterprognose ist gut - ich mach eine Motorradtour."
Er fährt dann, wenn er Lust hat.
Es war so ein Tag. Strahlender Sonnenschein im Spätherbst. Noch kein
nasses Laub auf den Straßen und die Gendarmen nicht mehr mit der
Übermotivation des Saisonbeginns überall auf der Lauer.
Auch ein alter Hund vergisst das Jagdfieber nicht, sagt man. Klar sind
die Zeiten echter und wirklicher Streetfights über längere Distanzen
schon lange vorbei. Das Alter schwächt die Kampfeshärte, die
aussterbende Rasse echter Straßenkämpfer ist längst zum
allgemein geächteten Raser abgestempelt. Und bei der Verkehrssituation
heute wäre das tatsächlich auch glatter Selbstmord. Nur noch
in den Stammtischerzählungen leben sie noch, die Selbstverständlichkeiten
früherer Tage, als beispielsweise der "Herr Karl" am Fuße
des Großglockners die Truppe zum Halten zwang, absprang und mit
einem Stück Kreide einen Strich quer zur Fahrtrichtung zog. Was bedeutete,
dass derjenige, der als letzter oben war, der "Rosarote des Tages"
war, die Wienerschnitzel für alle bezahlen musste und als Zeichen
seiner Schande ein Großglockner-Pickerl auf den Helm verpasst bekam.
Die "gute alte Zeit" - verklärt, verherrlicht und sandgestrahlt
von allem, was vielleicht doch nicht so toll war.
Heute würden diese Irrsinnsaktionen vermutlich Führerscheinentzug
auf Lebenszeit - so diese noch relevant wäre - bedeuten.
Das Alter lehrt auch: In der Ruhe liegt die Kraft!
Aber in der heimatlichen Bergwelt muss einfach hin und wieder das eigene
Revier markiert werden, und auf der Hausstrecke hat Klarheit zu herrschen.
Schließlich kennt man hier jeden Bremspunkt auf den Zentimeter genau.
Und wozu weiß man, wo man gefahrlos den Heroe spielen und ein wenig
was fürs verstaubte Kämpfer-Ego tun kann. Kurz gesagt: Herwig
hatte Lust darauf, ein paar motivierte Möchtegern-Racer zur Strecke
zu bringen. Sprich: Herbrennen! Ein paar Kilometer lange Kampfzonen gibt's
schon noch. Und erfahrene Jäger wissen auch genau, wo das Wild kommt.
Herwig konnte sich dem Reiz nicht entziehen.
Man braucht sich zwar nichts mehr zu beweisen, aber einmal schauen, was
da alles so herumfährt, könnte man ja ....
Herwig war selbstsicher. Er wusste, die Form stimmt. Hundert Runden am
Pannoniaring am letzten Wochenende waren 1.800 Kurven in allerfeinster
Sportmanier. Aber auch auf der Rennstrecke geht's längst nicht mehr
um Rundenzeiten, sondern nur noch um kultiviertes Sportfahren und um schöne
Zeichnungen auf den Kniebacken. Als Routinier wusste er: Ein Wochenende
am Ring ist die beste Saisonvorbereitung!
Die Feinabstimmung war also getan, mental war er auch gut drauf - nur
die Scheidungsgeschichte machte noch hin und wieder nachdenklich und somit
langsam. Also raus aus dem Kopf damit...
Entspannt
rollte er in Richtung Bergstraßen. Seine Welt, sein Reich. Jede
Bodenwelle kannte er hier. Die langweiligen ersten dreißig Kilometer
durch aneinandergereihte Industrieorte lagen hinter ihm, jetzt begann
der kurvenreiche offene Teil. Danach folgten zwei herrliche Bergwertungen.
Wie geschaffen für Bergspezialisten wie Herwig. Die Sprintabschnitte
im zweiten und dritten Gang sind seine letzte große Domäne.
Da geht's um Kurven, Bremspunkte und Schräglagen. Um Loslassen, Laufen
lassen, den Rhythmus finden - um Feinheiten und nicht um knallharten Topspeed,
Adrenalin und Erregung.
Hey - da vorne! Da verschwand gerade ein Heck ums Eck! Herwig wurde ein
wenig schneller. Ein paar kleine Gelenkigkeitsübungen noch während
der vorsichtigen Annäherungen, ein wenig herumrutschen auf dem Sitz,
ein paar leichte Körperdrehungen.
Die Konzentration stieg mit dem Jagdfieber.
Die nächsten
Kurven zog Herwig nun schon deutlich zügiger durch, und die Heckleuchten
der noch ahnungslosen Opfer wurden zusehends größer. Er war
ein wenig enttäuscht. Es waren nur zwei, und die nicht sehr schnell,
eher touristisch flott. Werden sich vermutlich nicht wehren und sind eigentlich
keine Gegner.
Noch hatte Herwig diesen Gedanken nicht zu Ende gedacht, als es völlig
überraschend neben ihm dampfhammerte!
Ärgerlich stellte er fest, dass die Instinkte zum Thema "Was
ist hinter mir?" noch nicht wach waren. Er musste die "Duke"
passieren lassen. Er hatte sie nicht gesehen und auch nicht geahnt! Und
das war ein Gegner! Soviel war klar.
Herwig war jetzt hellwach! Und er wusste auch sofort, dass die jetzt vor
ihnen liegende Bergwertung noch nicht gewonnen war. Einen Gang runter,
Gas auf. Der Supersportler begann seinem Namen gerecht zu werden. Er war
jetzt wieder dran an der Duke. Die beiden Tourer waren längst vergessen
und deutlich zurückgeblieben. Aber Herwig wusste wohl, dass er gegen
eine harte Enduro mit Straßenbereifung auf diesem Berg nur beschränkte
Chancen hätte, und dass der da vor ihm offensichtlich auch wusste,
wie man mit diesem Teil umgeht.
DER da?
Was ihn zusehends beunruhigte, war das aufkommende Gefühl, das da
vor ihm könnte möglicherweise weiblich sein! "Das da vorne
hat ja gerade 50 Kilo! Mist. Was jetzt?? Ich kann doch kein Mädchen
herbrennen! Aber ich kann anderseits noch weniger einfach abdrehen!"
Herwig zögerte kurz, dann griff er doch an.
Nein, so geht's nicht. Mit Ausbeschleunigen ist nichts zu machen gegen
die Duke. Abschminken. Die Geraden sind zu kurz, um den besseren Speed
der 1000er-Vierzylinder auszuspielen. Aber auf dem Berg gegen ein Mädchen
auf der Bremse attackieren??!!
Nein. Zu gefährlich.
Fünfte Kurve und immer noch hinten! Viele Chancen gab's nicht mehr.
Eine kurze Gerade noch, und wenn da jetzt so eine Karre entgegenkommt,
ist es vorbei... Da! Sie hatte sich ein klein wenig verbremst und musste
kurz aufmachen! Herwig schob sich links innen vorbei und ging sofort auf
Kampflinie, um einem eventuellen Konter in der gleich anschließenden
Rechten zuvorzukommen, aber er musste doch hart von außen nach innen,
und kurz schien das Vorderrad schon leicht unschlüssig zu werden,
ob es nach außen abschieben oder doch noch abbiegen sollte.
Es bog noch ab.
Sie auch.
Mist! Er hätte sie gerne gesehen. Nun war sie weg. Abgebogen in ein
anderes Tal. Ein wenig enttäuscht und nachdenklich blieb er stehen,
setzte sich auf einen Stein und fummelte gedankenverloren nach einer Marlboro.
Schade. So eine Begegnung mit einer offensichtlich frechen flotten Bikerin
an diesem Sonnensonntag hätte schon was gehabt. Aber davon träumt
man immer.
****
Er erkannte
sie sofort. Als er auf dem Parkplatz beim Wirten die Duke stehen sah,
schlug sein Herz ein wenig höher. DAS musste sie sein! Da war sie
wieder!
Die Augen geschlossen, hielt sie das Gesicht in die warme Herbstsonne.
Ein paar Minuten nur noch, dann würde die Sonne hinter der Bergspitze
verschwinden, es würde schattig werden im Gastgarten und nur noch
die Bikes am Parkplatz würden in den letzten Strahlen glänzen.
Herwig verliebte sich schlagartig.
Sie saß da, als würde sie eine Sonntagswanderung machen mit
ihrer rot/blauen Endurojacke, den Jeans und den Bergschuhen, auf dem Rücken
ein kleines rotes Rucksäckchen, und ihre dunkelblonden schulterlangen
Haare leuchteten in der Sonne. Herwig gab sich einen Ruck, und mit leicht
weichen Knien steuerte er sie an: "Sorry - war ein etwas hartes Manäver
vorhin am Berg. Ich hoffe, ich hab' dich nicht erschreckt".
Sie drehte provokant langsam den Kopf, hob die Lider und sah Herwig abschätzend
in die Augen. Eine kleine Ewigkeit, wie es Herwig schien. Sie wirkte kühl,
selbstsicher, ein wenig belustigt und ließ ihn spüren, dass
sie sich gestört fühlte.
Plötzlich blitzte es in ihren Augen und sie begann amüsiert
zu lächeln: "Kein Problem. Du hast nur so zappelig hinter mir
gewirkt, darum habe ich dich vorbeigelassen".
Rumms! Das saß! Zum zweiten Mal falsch abgebogen heute.
Da kam die Wirtin, die nach Herwigs Wünschen fragte, gerade recht,
um die Fassung wieder zu erlangen. Langsam entwickelte sich ein lockerer
Smalltalk in der üblichen Bikersprache und Herwig schwamm auf Wolke
Rosarot. Der Kaffee kam. Und just in dem Moment, als er sich auf einen
Kaffeeplausch einstellte und so dahinüberlegte, wie er ein wenig
mehr über sie erfahren könnte, sagte sie:
"O.K. - tschüß, ich fahr jetzt weiter."
Das darf doch nicht wahr sein!
Schon zum dritten Mal fiel Herwig heute aus seinen Träumen. Und er
hörte noch den satten Ton des Einzylinders, registrierte erstaunt,
wie sie mit dem Gerät umging, obwohl die Beine kaum den Boden berührten,
und wieder war sie weg! Nachfahren? Keine Chance. Da stand der siedendheiße
Kaffee, noch nicht bezahlt und außerdem - was soll Nachfahren bringen??
"Du bist ein Volltrottel" schimpfte sich Herwig innerlich.
"Zu blöd, einfach zu blöd!"
Langsam rollte
er wieder in Richtung Heimat. Ein ereignisreicher Tag und einiges zum
Nachdenken. Die freche Kleine da hatte es ihm angetan. Obwohl - es hätte
ihm zu denken geben müssen, dass sie ihm innerhalb eines Tages gleich
dreimal entglitten war. Aber daran dachte er keineswegs. Das Spiel hatte
ihm gefallen.
Es war doch ein netter Tag geworden.
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