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Kapitalismus als Religion

Die zweimonatige Reise quer durch das Reich der Mitte verschafft Gewissheit: In China paart sich bedingungsloses Wachstum auf moralfreiem Boden mit uneingeschränktem Nationalstolz
 

Der Trip beginnt in Peking. Über Nacht bringt mich die AUA direkt von Wien in die Hauptstadt Chinas, am späten Vormittag empfängt mich die 32-Millionen-Stadt bei lauschigen Spätsommertemperaturen unter einer hellgrauen Smog-Glocke. Der erste Eindruck: Baustellen, überall. Kräne, Stahlkonstruktionen, halbfertige und fertige, leer stehende Wohnsilos, dazwischen Plakate mit dem Sujet der Olympischen Spiele und glasverspiegelte Bürogebäude, 20, 30 Stockwerke hoch. „That’s China!“ meint der Taxifahrer stolz lächelnd in schwer verständlichem Englisch. Mehr ist ihm nicht zu entlocken, ich spreche kein Chinesisch.

Ein kleines Bier, ein Spaziergang durch die Verbotene Stadt und ein Snack am Rande des Tian-Anmen-Platz, der zwar friedlich aber bei weitem nicht himmlisch ist, offenbaren das Wesen der Stadt. Sauber und aufgeräumt, ein bisschen steril, die Propaganda bleibt nicht ohne Wirkung. So war noch vor wenigen Jahren das für westliche Gemüter höchst befremdliche Ausspucken der Chinesen allgegenwärtig, heute ist es fast im ganzen Land undenkbar geworden. China hat sich geöffnet und die Regierung neue Verhaltensregeln ausgegeben, und bis zu den Olympischen Sommerspielen 2008 werden auch die Auto- und Mopedfahrer gelernt haben, vor Zebrastreifen anzuhalten und Fußgänger passieren zu lassen, im Fernsehen laufen bereits die dementsprechenden Spots. Und über allem wacht die Volkspolizei.

Peking ist Regierungssitz, aber noch lange nicht China. Das Land ist groß, sehr groß, und ich bin aufgebrochen, um mir ein großes Bild zu verschaffen. Also, next Destination: Lhasa, und zwar mit dem Zug. Eröffnet wurde die Bahnlinie im Mai 2006, über tibetische Permafrostböden führt sie auf beachtliche 5.100 Meter Seehöhe und sorgt unter den Tibetern nach wie vor für helle Aufregung, verbindet sie das Land doch nachhaltig mit China. Täglich werden knapp eintausend Menschen in das 1950 unter Mao Zedong annektierte Land gebracht - kostengünstig, ein Sitzplatz kostet umgerechnet 25 Euro, das entspricht in etwa einem Viertel des Monatsgehaltes eines durchschnittlichen chinesischen Angestellten.

26 Stunden benötigt der Zug für die rund 2.600 Kilometer lange Strecke von Xining, Provinz Qinghai, nach Lhasa. Neben den einfachen Sitzplätzen gibt es „Hardsleeper“ mit sechs Betten pro Abteil ohne Gangtüre, die „Softsleeper“ mit nur vier Betten pro versperrbarem Abteil sind Regierungsbeamten und chinesischen Reiseveranstaltern vorbehalten. Als westlicher Tourist ist man in China zwar gerne geduldet, wird aber nicht zuvorkommend behandelt. Man nimmt das, was man kriegt und zahlt dafür in ausländischen Devisen. That’s the deal. Die Regeln macht der Staat, und unterm Strich tut man gut daran sich möglichst unauffällig in das Geschehen einzufügen. Der Begriff des Individuums ist in China nicht existent, was zählt, ist immer das größere Ganze, die Familie, der Clan, die Nation.

Die 16 Waggons des Zuges entsprechen westlichem Standard, sauber und mit einem Speisewagen in der Mitte. Einziger Unterschied: Jedes Abteil verfügt über Sauerstoffversorgung, und man wird darauf hingewiesen, dass körperliche Gesundheit Voraussetzung ist für die Fahrt. Das Aussteigen ist in den spärlichen Stationen nicht gestattet, die Fenster sind verriegelt, der Luftdruck wird reguliert, die Schaffner sind streng und dunkelblau uniformiert. Auf den Gängen herrscht buntes Treiben, es wird geredet, gegessen und Karten gespielt, und so ziehen zwischen Kräutertee, Nudelsuppe, schneebedeckten Berggipfeln, Yak-Herden und einer erstaunlicherweise an einigen Stellen bereits bröckelnden Bahntrasse die Kilometer vorbei. Das Beste ist Sitzen und Schauen.

Die 200.000-Einwohner-Stadt Lhasa beherbergt heute 130.000 Chinesen, Tendenz steigend. Vom Flair des alten Tibets ist im heutigen Lhasa nichts mehr vorhanden, über allem prangt der Sendemast der chinesischen Mobiltelefonie. Dennoch erfüllt sich nicht nur für mich mit dem Besuch des Potala ein Lebenstraum. Auch wenn man aus dem (ehemaligen) Zimmer des Dalai Lama anstatt auf das tibetische Regierungsviertel heute auf einen glatt polierten chinesischen Platz blickt, spürt man hier noch immer das Wirken einer großen Weltreligion. Das wahre Zentrum des tief verwurzelten Glaubens der Tibeter ist allerdings der ein Stück weiter östlich gelegene Jokhang, ein im siebten Jahrhundert errichteter Tempel, dem höchsten Ziel der Pilgerreise jedes lamaistischen Buddhisten. Es ist das heiligste aller Heiligtümer, aus weit entlegenen Gegenden kommen die Gläubigen hierher, ehrfürchtig, scheu, andächtig, brennende Butterlampen tragend, in Meditation versunken umrunden sie den Tempel von frühmorgens bis spätabends. Für sie ist der Dalai Lama nach wie vor das weltliche und geistige Oberhaupt, der Führer, und man darf sicher sein, dass, würde der Dalai Lama zum Aufstand rufen, sie innerhalb von wenigen Tagen unter Waffen stehen würden.

Drei Wochen lang durchstreife ich Tibet auf dem Rücken einer chinesischen 200-Kubik-Viertakt-Enduro, wohlig eingebettet in eine Motorrad-Gruppenreise unter österreichischer Führung (Asia Bike Tours) auf dank chinesischer Finanzmittel frisch und griffig asphaltierten Straßen. Ziel dieser Fahrt ist das Mount Everest Base Camp. Das Wetter zeigt sich von seiner freundlichen Seite, keine Wolke verhüllt den mächtigen Gipfel, und als einer der Mitreisenden bei Einbruch der Dunkelheit laut ausruft: „Na so was, da projizieren die Chinesen doch glatt die Olympischen Ringe auf den Gipfel!“, bin ich für ein oder zwei Sekunden tatsächlich versucht, das auch zu glauben. Wundern tut mich zu diesem Zeitpunkt nichts mehr.

Von den ehemals weit über 6000 religiösen Orten und Klöstern Tibets blieben im Zuge der Kulturrevolution keine 100 verschont, und heute weiß man nie, ob man beim Anblick eines Mönches nicht in Wahrheit einem chinesischen Geheimpolizisten gegenüber steht. Religion wurde in China abgeschafft und durch Kapitalismus ersetzt.

Also ergebe ich mich in diesen Sog und lasse mich von ihm weiter Richtung Zentralchina nach Chengdu ziehen, eine der rund 30 Städte Chinas mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Zwei Wochen lang bleibe ich in dieser Stadt, die in Europa keiner kennt, durchstreife fünfstöckige Einkaufszentren, ausufernde Fake-Markets, Teehäuser, Bars und Karaoke-Clubs. In einem dieser Clubs treffe ich auf Jeff, einen 45jährigen Amerikaner, der fließend chinesisch spricht und seit fünf Jahren in der Stadt lebt. Er macht in Immobilien und gute Geschäfte: „Vor einem Jahr habe ich in Zentrumsnähe, dort, wo jetzt die U-Bahn gebaut wird, um 80.000 Dollar eine 110-Quadratmeter-Wohnung erstanden, heute kann ich sie bereits um den doppelten Preis verkaufen. Und es bleibt spannend, denn die Wohnung liegt im 12. Stockwerk, aber das Haus ist noch im Rohbau und gerade mal vier Stockwerke hoch. Hahaha!“ Ein Luftschloss? Bei der zweiten Flasche Whiskey gesteht Jeff: „Zwei, vielleicht auch drei Jahre geht das noch gut, dann ist es Zeit sich abzusetzen.“ Kurz hält er inne, dann nimmt er einen kräftigen Schluck und wendet sich seiner blutjungen chinesischen Begleiterin zu. Mit Geld ist alles möglich, und die Chinesen sind westlicher als sie selber glauben.
Es ist Zeit die Notbremse zu ziehen. Am nächsten Tag erstehe ich unter der Anleitung des von der Nacht noch schwer gezeichneten Jeff um 300 Euro einen gebrauchten chinesischen 150-Kubik-Chopper und mache mich auf den Weg Richtung Shanghai, 2.500 Kilometer. Die Landluft wird mir gut tun.

Auf holprigen, teilweise unasphaltierten Straßen bewege ich mich mit Kompass und englisch-chinesischem Sprachführer bewaffnet Richtung Osten, ernähre mich von den durchwegs köstlichen und nicht immer definierbaren Produkten der Garküchen am Straßenrand und lasse mich und meine blonden Haare von den Dorfbewohnern bestaunen. Offenbar haben sie noch nie einen Europäer gesehen, ihr Aktionsradius endet spätestens bei der nächsten großen Stadt. Viele von ihnen halten mich für eine Analphabetin, weil sie nicht wissen, dass unsere Schrift eine andere ist als die chinesische.

In Wanzhou holt mich die Gegenwart ein, die mich für den Rest der Reise auch nicht mehr loslassen wird. Auge in Auge mit den gelblich-trüben Wassern des trägen Yangtse River wird mir bewusst, welch starke Macht die Regierung in diesem Ein-Milliarden-Land ausübt: Von den vier Millionen Einwohnern der Stadt wurden aufgrund der Aufstauung des Flusses 1,2 Millionen umgesiedelt – und das ganz ohne Murren in der Bevölkerung. Wie das geht? Jeder und jede profitiert vom Wirtschaftswachstum, das neue Haus ist größer und schöner als das alte. Der Manager meines Hotels bringt es auf den Punkt: „Mir und meiner Familie geht es heute besser als noch vor einem Jahr. So what?“ Recht hat er, und, Hand aufs Herz, wie, wenn nicht mit starker Führung, ließe sich ein Land von derartiger Größe sonst regieren? Eben. Dass es jährlich unbestätigten Gerüchten zufolge rund 80.000 teils blutige Aufstände in China gibt, steht auf einem anderen Blatt Papier – diese Zwischenfälle kommen nicht in die Medien.

Shanghai, der Endpunkt meiner Reise, empfängt mich nach 13tägiger Fahrt um halbzehn Uhr abends mit einem Stakkato an quer über die Straßen montierten Überwachungskameras. Jedes Fahrzeug wird hier abgelichtet, wer braucht schon Vertrauen, wenn Kontrolle besser ist. Mir soll es recht sein, ich habe nichts zu verbergen, Hauptsache es ist sicher hier in dieser riesigen, ausufernden Stadt. Mit dem LKW-Schmutz der letzten 200 Kilometer im Gesicht, müde aber glücklich, beziehe ich mein 50-Euro-Luxus-Hotelzimmer nahe beim Flughafen Hongqiao. Es ist mir gleichgültig, dass Skype, wie so oft hier in China, abstürzt und das System nach einem neuen, weil von einem anderen Benutzer in Gebrauch befindlichen Passwort verlangt. Ich nehme mir ein Cola aus der Mini-Bar, schalte den Fernseher ein und lasse mich von China TV berieseln. Oh ja, China ist ein schönes Land, und es ist Zeit die Heimreise anzutreten, bevor es mich assimilieren kann.

 
Text: Karin Mairitsch
 
Artikel erschienen in economy
 
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Letzte Änderung am Freitag 25 Januar, 2008 16:23