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Ab durch das Reich der Mitte

Ein Land bereist man am besten mit den Gefährten der einheimischen Bevölkerung. Für die Fahrt von Sichuan nach Shanghai fiel die Wahl auf einen 150-Kubik-Chopper chinesischer Herkunft
 

Es ist später Vormittag in Zentralchina. Auf den Straßen von Chengdu, der am östlichen Ende des tibetischen Hochlandes gelegenen Hauptstadt Sichuans, herrscht reges, aber in keiner Weise hektisches Treiben. Zwischen fünfstöckigen Shopping Centern, glasverspiegelten Hochhäusern, duftenden Garküchen, halbfertigen Wohnsilos und turmhohen Werbeplakaten legen die 13 Millionen Einwohner Chengdus ihren Tag mit asiatischer Gelassenheit an. Recht so, Shanghai ist weit, weit weg und Sichuan eine eigene Provinz.

Der Himmel über Chendgu ist bedingt durch Abgase und hohe Luftfeuchtigkeit hellgrau, und die Sonne gibt sich tagsüber bestenfalls als matte weiße Scheibe zu erkennen. Dennoch ist die Luft für eine Großstadt gar nicht so schlecht. Die abertausenden Rikschas, Fahrräder, Elektrofahrräder und Elektroroller verursachen nun mal im Betrieb keine Emissionen, und die öffentlichen Busse sowie die noch spärlichen Autos fahren mit Erdgas oder Benzin. Dieselfahrzeuge? Kein Thema. Motorräder? Gibt es nicht, als Transportmittel sind sie dem Überlandverkehr vorbehalten. Abgesehen davon muss man sich als Chinese ein Motorrad erst mal leisten können.

Mein Hotel hat vier Sterne und Internetanschluss am Zimmer. An der Rezeption spricht man kein Englisch, also lächeln mich die Damen hinter dem Tresen freundlich an und ich lächle freundlich zurück. Das Nonverbale ist in China Teil der Kommunikation. Ich gebe meinen Reisepass ab und mache mich auf die erste radiale Erkundung. Sie führt in eine Touristenmeile, die so gut wie ausschließlich von Chinesen besucht ist. Westliche Touristen sieht man hier kaum. Kein Wunder, wer kennt schon Chengdu? Für die Langnasen ist Chengdu bestenfalls eine Zwischenstation auf dem Weg nach Lhasa.

Ausländische Destinationen sind für Chinesen mit einem durchschnittlichen Angestelltengehalt von gerade mal 300 Euro unerschwinglich. Also werden die Insignien des kapitalistischen Westens ins eigene Land geholt: Im Supermarkt gibt es Chips und Coca Cola, im Park rund um den ältesten Tempel der Stadt residiert Starbucks, und selbstverständlich darf der McDonalds im Stadtzentrum nicht fehlen. Des Abends bemüht man sich in den Karaoke Bars im Interpretieren der Songs von Johnny Cash und Bon Jovi, in den Discotheken macht man Whiskey-Cola zum nächtlichen Begleiter und in den einschlägigen Lokale prangt die rot-gelb-grüne Flagge Jamaicas (ja, Drogen sind hier echt ein Thema). Na bumm. Die Chinesen sind westlicher als sie selber glauben.

Die Chinesen sind auch Weltmeister im Netzwerken. Und weil ich gerade aus Tibet komme, Zeit und abgesehen von einem Rückflug aus Shanghai in einem Monat keine fixen Pläne habe, lasse ich mich vernetzen.

In der zweiten Woche meines Aufenthaltes in Chengdu treffe ich im Zuge der Einladung eines der örtlichen Reisebüros auf Jesse, einen 32jährigen Amerikaner, der seit fünf Jahren in der Stadt lebt, fließend Chinesisch spricht und sein Geld mit Immobilien macht. Er befindet sich in Begleitung von Tom, einem ebenfalls 32jährigen Österreicher, und er fährt eine „Zongshen“, eines jener kleinen dunkelblauen 150-Kubik-Motorräder chinesischer Bauart mit keiner Leistung, keinen Bremsen und keinem Fahrwerk. „This is great”, strahlt Jesse. Und er fügt hinzu: „It’s the best way to get around here in China.”„So was will ich auch“, sage ich, und Tom ruft: „Ich auch!“

Am späten Vormittag des nächsten Tages sehen wir einander wieder, Jesse, Tom und ich. Unter der ortskundigen Führung von Jesse geht es mit dem Taxi eine halbe Stunde lang durch die Stadt in Richtung Süden, wo am Rande einer der ungezählten vierspurigen Straßen Chengdus einige Dutzend gebrauchte Motorräder zum Verkauf angeboten werden. Ein heißer Tipp. Jesse entpuppt sich als harter Verhandler, und drei Stunden später bin ich mehr oder weniger stolze Besitzerin einer „Hensim Tiger“, einem ölgekühlten (!) China-Chopper mit 150 Kubik-Motor, Nummerntafeln, Papieren, Windschild, Topcase und Seitenkoffern. Sehr authentisch. Ich bezahle umgerechnet 320 Euro und entsorge das Topcase noch vor Ort. Auch Tom wird fündig und ersteht vergleichbares Material.

Bei einem mörderisch scharfen Fisch-Eintopf stoßen wir des Abends mit einem Glas Bier auf unsere Neuerrungenschaften an. Und dann, offenbar befinden wir uns in der Euphorie, beschließen Tom und ich eine gemeinsame Reise anzutreten – und mit unseren Mopeds an die Küste nach Shanghai zu fahren. Wer braucht schon Kreuzfahrten, wer braucht Fahrpläne, Bus und Bahn? Der Yangtze soll unsere Reiseroute bestimmen. Jesse macht große Augen. „It’s about 2.500 Kilometer to Shanghai. And there are really bad roads. You must be crazy!” Ich blicke zu Tom, dem die letzte Nacht noch arg ins Gesicht geschrieben steht (wo waren die beiden eigentlich nach unserem gestrigen Teehaus-Besuch?), und ich denke mir, dass Jesse recht hat. Zwei Tage später sind wir unterwegs.

GPS haben wir keines. Nicht dass in China kein GPS zu kaufen gäbe – aber was macht unsereins mit einem chinesischen GPS? Englische Menüführung? No way. Maybe in Shanghai. Haha! Gut, dass mein Nokia auch eine Kompassfunktion hat, und die China-Landkarte vom Shop im Hotel ist eh zweisprachig, englisch und chinesisch. Das muss reichen. Tom macht den Scout, und nach einer zweistündigen Irrfahrt durch die Vororte Chengdus sind wir dann auch wirklich auf der richtigen Straße.

Wir sind bester Dinge und froh wieder die zu Sonne sehen. Die Stadt ist weit weg, rund um uns nur mehr kleine Ortschaften und grüne waldlose Hügel. Die Vmax unserer Motorräder liegt bei bescheidenen 80 Stundenkilometern, aber mehr vertragen die Straßen ohnehin nicht.
Die Orientierung gestaltet sich problematisch. Bereits kurz nach Chengdu ist es vorbei mit den zweisprachigen Wegweisern und wir tun gut daran, uns ernsthaft mit den chinesischen Schriftzeichen zu befassen. Eselsbrücken wie „Das erste Zeichen erinnert an einen Regenschirm und das dritte ist ein Kamel“ erweisen sich als hilfreich. Im Stundenschnitt kommen wir gerade mal auf 25 Kilometer, neu orientieren verlangsamt das Tempo. Es scheint keine einfache Reise zu werden.

Nach 120 Kilometern ist klar, dass wir unser erstes Tagesziel nicht erreichen werden. „Lass uns die Route ändern und nach Suining fahren“, schlage ich Tom am späteren Nachmittag vor, „das ist zwar ein kleiner Ort, aber nicht mehr weit entfernt. Die werden dort schon ein Hotel haben.“ Wie wir später lernen werden, gibt es in China über 30 Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, und auch wenn Suining nur ein kleiner Punkt auf der Landkarte ist, so entpuppt es sich dann doch als Fünf-Millionen-Stadt. Es ist eben alles relativ.

In Suining ein Hotel zu finden, ist keine leichte Übung. Nicht, weil es hier kein Hotel geben würde, sondern weil wir schlichtweg keine Ahnung haben, wie „Hotel“ auf Chinesisch aussieht. Wir sind schon sehr, sehr blauäugig unterwegs, aber das, so sage ich mir, das ist Teil des Experiments. Also suchen wir ein Hochhaus mit möglichst vielen Sternen drauf - und steigen lange nach Einbruch der Dunkelheit reichlich erschöpft an der besten Adresse der Stadt ab. Na bitte! Und im vierten Stock gibt es auch noch einen Nachtclub. Hier sitzen Geschäftsmänner mit ihren gekauften weiblichen Begleitungen auf dunkelroten Sofas, und selbst der offensichtlich mit vielen Wassern gewaschene Tom ist von den Akrobatik-Vorführungen der Bühnen-Ladies schwer beeindruckt.

Der nächste Tag beginnt mit Regenwetter. Es wird anstrengend. Die Straßen sind in einem wahrlich desaströsen Zustand, unasphaltierte, schlammige Streckenabschnitte wechseln sich ab mit Schlaglöchern groß wie Vorderräder und Wellblechpisten wie im tiefsten Rumänien. Das Fahrwerk unserer Mini-Chopper wird zum limitierenden Faktor. Wortkargheit macht sich breit, wir halten nur mehr um zu tanken und zu essen.

Doch zwischen den Regentropfen gibt es Lichtblicke: Die Menschen in den Dörfers, durch die wir reisen, sind von ungewohnter Freundlichkeit. Sie haben im Laufe ihres Lebens einen Aktionsradius von vielleicht 40 oder 50 Kilometern, so weit wie es eben ist bis zur nächsten Stadt, und so weit sie ihre Füße oder ihr Fahrrad - so sie denn eines besitzen - tragen. Und ganz sicher haben sie noch nie in ihrem Leben einen Weißen gesehen. Ungläubig fassen sie an unsere blonden Haare, neugierig blicken sie in unsere Rucksäcke, wollen wissen, was wir im Marschgepäck haben und sind fasziniert vom digitalen Display meiner Kamera. Reden können wir nicht miteinander, aber verstehen tun wir uns trotzdem. Tom teilt Zigaretten aus und wir bekommen im Gegenzug für die Weiterfahrt in Plastik verschweißte scharfe frittierte Käfer überreicht. Uih!

Am vierten Tag der Reise erreichen wir Wanzhou und damit auch den Yangtze-Fluss. Der Anblick ist enttäuschend. Träge wabern an den Uferbefestigungen die gelblich-braunen Wassermassen, in denen müde Frauen ihre Schmutzwäsche waschen, die graue Häuserfront am Wasser wirkt aufgerissen und inhomogen. Vor fünf Jahren ist durch die Aufstauung des Yangtze ein Großteil der Stadt in ihm versunken. 1,2 Millionen Menschen wurden damals umgesiedelt, ein Drittel der Bevölkerung von Wanzhou. Über der Stadt liegt morbide Endzeitstimmung, daran kann auch der neu aufgebaute moderne Hauptplatz nichts ändern. Auch die Stimmung zwischen Tom und mir verfinstert sich.

Wir bleiben zwei Tage, dann verfrachten wir uns und unsere Motorräder auf eines der lokalen Fährschiffe, um uns zum 300 Kilometer flussabwärts gelegenem Drei-Schluchten-Staudamm chauffieren zu lassen.

Die Fahrt auf dem Yangtze ist unspektakulär. Um 15 Uhr legen wir ab, um 6 Uhr morgens kommen wir an. Zu sehen gibt es dazwischen nicht viel, die dunkelgrünen Hügel sind wolkenverhangen und fallen steil in den Stausee ab, es ist windstill und auch die - ausschließlich einheimischen - Mitreisenden sind recht schweigsam. Hin und wieder kreuzen wir den Weg eines anderen Schiffes, in der Ferne ziehen graue Ortschaften vorbei, dann kommt die Nacht.

Der Morgen empfängt uns mit warmen Sonnenstrahlen. Mit dem Durchbruch des Yangtze in die Nordchinesische Tiefebene haben auch wir wieder Weite in die Köpfe bekommen. Oh yes! Wir frühstücken bei einer Garküche am Straßenrand und errechnen voller Tatendrang die noch verbleibende Entfernung bis Shanghai: Es sind noch rund 1.800 Kilometer, das sollte in sechs bis sieben Fahrtagen zu schaffen sein. Die Straßen werden zusehens besser und größer. Wir lassen unsere Motorräder auf Vordermann bringen.

Was nun folgt, ist ein Motorrad-Marathon an die Küste. Die Landschaft ist flach und wenig abwechslungsreich, Reisfelder, Dörfer und Städte, Reisfelder, Dörfer und Städte, dazwischen Müllberge und rege Bautätigkeit an den Ortsein- und ausfahrten. Je näher wir der Küste kommen, desto dichter wird die Bebauung: Das Yangtze-Delta ist der Siedlungsraum mit der höchsten Bevölkerungsdichte Chinas, und auch der Yangtze schwillt zu gewaltigen Ausmaßen an - bei Anqing, rund 600 Kilometer vor Shanghai, hat er die formatfüllende Breite von zweieinhalb Kilometern.

Am zehnten und vorletzten Tag der Reise passiert Unvorhergesehenes: Beim spätnachmittäglichen Einchecken im Hotel entdeckt die grell geschminkte Rezeptionistin, dass mein Visum angelaufen ist. Ich bin baff erstaunt, habe ich doch bei Antrag des Visums meine Reisedauer mit neuneinhalb Wochen angeführt und ein Visum für sechs Monate erhalten. Dachte ich. Doch die Wahrheit sieht anders aus: Mein Visum weist zwar eine Gültigkeit von sechs Monaten aus, erlaubt mir aber pro Einreise nur den Aufenthalt von maximal 30 Tagen. Blöd jetzt, ich bin schon acht Wochen unterwegs. Der Hotelmanager informiert die Einwanderungsbehörde. Keine zehn Minuten später ist die Volkspolizei da, vier Mann hoch, und nimmt mich mit. Es kommt dick. Am Kommissariat werden mir die Papiere abgenommen, ich werde fünf Stunden lang verhört, auf die Toilette darf ich nur mit Begleitung. Ist das eine Verhaftung? Kurz keimt Hoffnung auf, als mir mein Kontaktmann ein SMS mit Namen und Mobilnummer des österreichischen Generalkonsuls in Shanghai schickt, doch der meint nur lapidar: „Sie haben gegen das chinesische Gesetz verstoßen. Da kann ich gar nichts für Sie machen!“ Wäre ich nicht in China würde ich jetzt beten.

Unterm Strich komme ich am nächsten Morgen mit einer Geldstrafe davon. Mein Visum wird storniert, zugleich darf ich aber meine Aufenthaltsgenehmigung bis zum Tag des geplanten Abflugtermins verlängern. De facto werde ich als unerwünschte Ausländerin des Landes verwiesen. Dass Tom sich kurz nach diesem Zwischenfall aus dem Staub macht, trifft mich nicht mehr sehr hart.

Am Abend des elften Reisetages erreiche ich Shanghai. Es ist weit nach 22 Uhr, als ich im vorreservierten Hotel einreite, und erst am Gesicht des Rezeptionisten kann ich erkennen, wie müde und erschöpft ich bin. Nein, es war keine schöne Reise, interessant und aufschlussreich, das schon, aber nicht schön. Die letzten Stunden haben mir den Rest gegeben, 200 Kilometer war ich in der Dunkelheit auf dreispuriger Straße eingepfercht zwischen alten Diesel-LKWs unterwegs, das ist doch kein Spaß mehr.

Das nächste Mal buche ich eine Gruppenreise, ganz normal.

 

Text: Karin Mairitsch

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Artikel erschienen im "Motorradmagazin"
 
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Letzte Änderung am Mittwoch 1 Oktober, 2008 23:50