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Zigaretten aus Wien

Die Weihnachtsgeschichte - Teil 4
 

Susi hatte den Schlussakt der Auseinandersetzung trotz des tobenden Sturms mitbekommen. Vor ihr klaffte der Riss quer über die Straße und bot einen Blick auf Dinge, die sie noch nicht oft gesehen hatte. Obwohl, der eine Freier, der mit dem krummen Zumpferl, der war noch besser ausgerüstet als die da unten ...

Sie sah hoch und beobachtete die letzten vier-, fünfhundert Sprünge des erzürnten Weihnachtsmanns. Keine schlechte Technik hat der Junge, aber er müsste dem Parkwachler mehr ins Kreuz steigen. Sie tötete ihre Zigarette ab und zündete sich eine neue an. Interessant. Die Nummer mit den Rentieren kannte ich noch nicht. Aber mit Tieren hab ich's auch nicht so ...
Der bärtige Mann, der sie nach wie vor an jemand Bestimmten erinnerte, wischte das Blut von seinen Händen an der ohnehin roten Hose ab. Er blickte wild um sich, fixierte sie, und kämpfte sich schließlich gegen eine Mischung aus Hagel, Schnee, Wind, Eis, Erdbeben, Feuer und Wirbelstürme zu ihrem Standplatz.

"Sag mal, kennen wir uns nicht?", brüllte er. Normalerweise war das die übliche Anmache, aber in diesem Fall ...
"Ich hab's! Ich vergesse doch kein Gesicht!" schrie er, und schlug sich lachend an den Kopf. "Du bist doch das Mädel von der Trafik im Westbahnhof! Mit den zwei hübschen ... hm ... Melonen! Kannst du dich nicht erinnern? Vor knapp zwanzig Jahren ..."

Die Erde schüttelte sich.

Und auf einem Mal fiel es Susi ein: "Aber ja!", rief sie gegen den Sturm. "Du warst mein erster Freier! Es war das gleiche Hundewetter wie heute, es war Weihnachten, so wie heute, und du hast mir's mächtig besorgt!" Sie strahlte. "Und anschließend hast mir fünfhundert Schilling dagelassen. Und da hab ich mir dacht, dass das ein mächtig schnell verdientes Geld ist, und hab den Job in der Trafik hing'schmissen." Sie errötete wie eine Anfängerin. "Na ja, die Melonen sind heute eher Zucchini. Aber wenn du Lust hast - dir mach ich's umsonst!"
Die Augen des Weihnachtsmannes begannen zu glänzen, seine Hose beulte sich im Schritt. "Abgemacht, Mädel, wir machen uns eine schöne Nacht." Und nach oben, in Richtung des tobenden Sturmes, schrie er: "Ich kündige! Und sag's gleich meiner Alten und den Typen in Atlanta weiter! Ich scheiß' auf die Pönale!"

Dann folgte er der Hure, die ihren tief hängenden Hintern lasziv hin und her bewegte.
"Sag einmal, du hast doch sicher an Erfahrung zugelegt in den letzten zwanzig Jahren?", rief er ihr in das dunkle Stiegenhaus nach.
"Ein oder zwei Tricks kenn ich schon. Aber ich glaub, du bist auch ganz schön ausgewaschen."
Die beiden verschwanden in einem schmuddeligen Hotelzimmer und vögelten sich um Herz und Verstand.

***

Der Weihnachtsmann wurde noch am selben Tag entlassen und besitzt heute ein gut gehendes Geheimbordell in Gramatneusiedl.

Susi Pospisil steht nach wie vor an ihrem Stammplatz. Ihr neuer Freund - ein junger Mann, der aus der Spalte in der Felberstraße geklettert kam - bot ihr einen gutdotierten Arbeitsvertrag für die strenge Kammer an. Natürlich über ihren Tod hinaus.

Ernesto der Sandler, kaufte mit seinen letzten Schillingen ein Brieflos, wurde reich, berühmt und schließlich Infrastruktur-Minister.
Hank wurde entlassen und heiratete Frau Weihnachtsmann, die er wenige Monate später erdrosselte.

Die kläglichen Überreste des Magistratsbeamten Berthold wurden am Zentralfriedhof bestattet. Sie sind heute beliebtes Ausflugsziel frustrierter Wiener Autofahrer, die auf sein Grab spucken.

Rudolph, das Rentier, erfüllt von Zeit zu Zeit im Bordell des ehemaligen Weihnachtsmannes besondere Wünsche und säuft sich langsam zu Tode.

Die Getränkefirma in Atlanta schloss noch am selben Abend einen hochdotierten Werbevertrag mit dem Christkind ab.
Wundert euch also nicht über das neue Gesicht auf den Flaschenetiketten, Kinder!

 

Ende

 
Text: Michael Marcus Thurner
 
 
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Letzte Änderung am Donnerstag 12 Juni, 2003 22:44 von Webknecht