Home - Geschichten - Geschichtsarchiv - Zigaretten aus Wien Teil 3

 

Zigaretten aus Wien

Die Weihnachtsgeschichte Teil 3
 

Als Herr Claus das Geschirr des Rentierschlittens überprüfte - Rudolf hatte sich unrettbar darin verheddert - fand er den Zettel. Unschuldig steckte er, sorgfältig cellophaniert, auf dem Geweihende seines betrunkenen Leithirsches. Ungeduldig riss Herr Claus die Hülle auf und las: ‚Wegen Paragraphs soundso (siehe umseitig) werden Sie zu einer Zahlung mit beiliegendem Erlagschein in der Höhe von 60 Euro verpflichtet, andernfalls Ihr KFZ (durchgestrichen und auf Schlitten ausgebessert) beschlagnahmt werden muss. Sie haben kein Recht, gegen diesen Bescheid Einspruch zu erheben ...'

Die Zornesröte dampfte sich durch die Schminke auf seinen Wangen. Die Hitze entzündete fast die malträtierte Haube. Wo war dieser Beamten-Wicht?

Herr Claus setzte seinen Suchsinn ein, und binnen kurzem hatte er den Mann gefunden, ein knappes Dutzend Autos vor seinem Schlitten stehend und hingebungsvoll auf einem Block kritzelnd.
Der Weihnachtsmann stürmte auf den uniformierten Amtsträger zu und setzte zu einer Schimpftirade an, als ihn ein gräuliches Grollen an seinen Vertrag erinnerte. Und der wiederum erinnerte ihn an die Villa in Bel Air ...

Er riss sich zusammen. "Verzeihen sie", sprach er den Mann an, "haben sie diesen Strafzettel für mein Gespann geschrieben?" Nervös strich er über seinen Bart.

Magistratsbeamter Berthold, Dienstnummer 3854, drehte sich mit einem süffisanten Lächeln um. "Ah, sie sind das!" Er musterte den Weihnachtsmann verächtlich von oben bis unten. "Genau so habe ich sie mir vorgestellt!" Berthold rülpste.
"Lieber Herr Parksheriff, ich war kaum zehn Minuten im Bahnhof, um mir Zigaretten zu kaufen." Herr Claus versuchte einen matten Scherz: "Greifen sie ruhig meine Rentiere an, sie sind noch warm, haha!"

Berthold hatte keinen Humor. "Unterlassen sie diese Witzchen, ja? Sie sind länger als die erlaubten zehn Minuten ohne Parkschein in der Kurzparkzone gestanden, ich habe mir die Zeiten notiert. Hier steht schwarz auf weiß, wann sie angekommen sind!"
"Ich sagte doch, ich habe mir nur Zigaretten gekauft! Haben sie doch ein wenig Verständnis, und zerreißen sie den Strafzettel." Verschwörerisch beugte sich der Weihnachtsmann zum Beamten hinab und zwinkerte ihm zu. "Schließlich ist heute Weihnachten, das Fest der Freude!"
"Sie! Lassen sie diese Vertraulichkeiten! Ein Beamter ist immer im Dienst, und das Fest kann mir gestohlen bleiben! Außerdem lügen sie, denn die Trafik hat bereits vor zwei Stunden geschlossen." Berthold grinste hämisch. "Wahrscheinlich haben sie schmutzige, kleine Pornohefte durchgeblättert, sie scheinheiliger Moralapostel!"
Herr Claus schrie: "Ja, sehen sie nicht, dass ich der Weihnachtsmann bin?"
Berthold antwortete, ebenso lautstark und sich seiner Macht voll bewusst: "Haben sie einen Ausweis, der das bestätigt? Herr! Sie fangen sich gerade eine Beamtenbeleidigung nach Paragraph 154, Absatz 4, ein. Und außerdem: Wo ist den das Pickerl für ihren Schlitten, nach Paragraph 57a StVO?"

Es reichte. Herr Claus spürte das Grummeln in seinem Magen. Vorbei war's mit der Selbstbeherrschung, er ließ seinen Gefühlen freien Lauf.
Selbst der Riss quer durch die Felberstraße (mit direktem Blick auf das Wohnzimmer des Teufels) konnte ihn nicht davon abhalten, den Vertragsoberbediensteten Berthold mit einem Schlag der flachen Hand zu Boden zu strecken und gezählte 1.322 Mal auf ihm herumzutrampeln.

‚Stille Nacht, heilige Nacht' tönte es, vom Wind getragen, von der Mariahilfer Straße zu ihm herüber, als er die blutigen Reste des Magistratsbeamten vom Boden kratzte und sie seinen Rentieren - vermischt mit ein wenig Hirse - zum Fressen anbot. Anders als ihre irdischen Verwandten verschmähten die Gespanntiere keineswegs ein wenig Frischfleisch.
Rudolf rülpste genüsslich.

 

 

 
Text: Michael Marcus Thurner
 
 
Back
 
Letzte Änderung am Donnerstag 12 Juni, 2003 22:44 von Webknecht