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Der
Weihnachtsmann schleuderte seine rote Zipfelmütze zu Boden und trampelte
mit blindwütiger Hingabe darauf herum.
Die wenigen Menschen, die sich in der Halle aufhielten, sahen Herrn Claus
erschrocken an, wandten sich aber rasch wieder ab. Ein als Weihnachtsmann
verkleideter Betrunkener, der dem Original nicht im Mindesten ähnlich
sah ... wen interessierte das schon?
"Holla,
wos'n los?" Ein Sandler torkelte aus dem Pissoir neben der Trafik
und steuerte auf Herrn Claus zu. "Beruhig di, Oida. Wüsd an
Tschick?", lallte er.
Tschick?
Zigarette? Der Weihnachtsmann hielt abrupt inne und blickte den in Lumpen
gehüllten Mann an, der nach billigem Wein stank und ihm zitternd
eine zerknitterte Schachtel hinhielt. Herr Claus griff ehrfürchtig
nach der ausgestreckten Hand, als befürchte er, die Gestalt des Sandlers
könnte sich bei einer zu abrupten Bewegung im Nichts auflösen.
Mit zwei spitzen Fingern nahm er eine der angebotenen Zigaretten - eine
Dreier' - und nahm sie blitzschnell an sich.
"Brauchsd
an Zund?" Der Clochard hielt ihm Zündhölzer hin. Der Weihnachtsmann
riss sie ihm aus der Hand, duckte sich gegen den stetigen Luftzug in der
Halle und zündete die Zigarette an.
Erleichtert sog Herr Claus am Glimmstengel. Er inhalierte den Rauch, ganz
tief, bis er seinen Lungenspitzen Hallo' sagen konnte. Er hustete
lauthals - offensichtlich eine beginnende Verkühlung!- und
lehnte sich entspannt gegen die Wand. Dankbar sah er den Sandler an, der
aus blutunterlaufenen Augen zurückstarrte.
"Guter Mann, sie haben mir das Leben gerettet", sagte Herr Claus
würdevoll. "Würden sie mir ihre ganze Packung verkaufen
für ... sagen wir mal ... tausend Euro?"
Ernesto,
der alte Sandler, setzte sein bestes Pokergesicht auf, doch es misslang.
Wortlos streckte er die Hand aus, und nahm die druckfrischen Fünfhunderter
entgegen. "Passt scho, danke", murmelte er und hob die Hand
zum Gruß, als der Weihnachtsmann die niedergetrampelte Haube aufhob
und davon stürmte.
"Hallelujah", murmelte Ernesto, als er den Verrückten nicht
mehr sehen konnte, drückte sich beim Zigarettenautomaten neben der
Trafik ein neues Päckchen Dreier' runter, und wankte anschließend
zurück zur Branntweinstube an der Ecke. Das Heilige Fest war gerettet.
***
Herr Claus
fühlte sich besser. Sehr viel besser.
Er hatte zwar nicht seinen Lieblingstabak bekommen, doch in der Not durfte
man nicht wählerisch sein.
Der Himmel hatte nach dem kurzen Donnerwetter aufgeklart, und so etwas
wie eine melancholische Schönheit lag über Wien, als er den
Westbahnhof verließ. Fröhlich pfiff Herr Claus eine Kindermelodie
über den Osterhasen, knuffte Rudolf freundlich in die Seite und schwang
sich auf den Kutscherbock.
Sein Bord-Videophon läutete. Schlagartig verschlechterte sich seine
Laune. Er richtete die VidCam auf sein Gesicht aus. Er kannte die Rufnummer:
Es war dieser PR-Mensch aus den Staaten.
"Hallo", knurrte er in das Mikrophon.
"Hi, alter Junge!" grüßte Hank, der braungebrannte,
aalglatte Yuppie. "Alles okay?"
Herr Claus versteckte rasch den Zigarettenstummel hinter seinem Rücken.
"Alles bestens! Ich habe bereits mit meiner Tour begonnen und wollte
..."
"Na, da schwindelt doch einer!" Hanks Grinsen gefror. "Unsere
Bordsensoren zeigen, dass dein Schlitten seit mehr als zwanzig Minuten
auf demselben Fleck steht. Nur das Leittier dürfte zweimal umgefallen
sein." Sein Gesprächspartner nuckelte genüsslich an einer
Zigarre. "Wenn du bei jedem Haus so lange brauchst, bekommen die
letzten Leute im Hochsommer ihre Geschenke. Hochsommer 2008, wohlgemerkt."
Dieses
widerliche kleine Arschloch will mir sagen, wie ich meine Arbeit zu verrichten
habe!
Es donnerte.
Hank fuhr fort, das sardonische Grinsen beibehaltend. "Machst du
schon wieder eine Zigarettenpause? Du weißt ja, ich bin dein Freund,
aber wenn dich die Jungs vom Wachpersonal beim Rauchen erwischen, bist
du fällig. Nein, unterbrich mich nicht! DU wolltest weg vom Nordpol
und in dieses bescheidene Schlösschen in Bel Air ziehen. DU wolltest
vergoldete Türgriffe, Kaugummis auf Lebenszeit - ich glaube, da hast
du uns ganz schön gelegt -, Jacke und Hose aus synthetischen Stoffen,
damit sie nicht so kratzen, und beheizte Stiefel. DU wolltest, dass wir
deine Zwergenbrut ausrotten, weil sie so stank."
Hank holte kurz Luft. "Und wenn deine Sponsoren in Atlanta als Gegenleistung
für ihre Gefälligkeiten kleine, bescheidene Forderungen stellen,
so ist das nur legitim."
Hank richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf ihn. "Also: wirst
du dir Nase und Wange sorgfältig pudern, damit du wie auf den Flaschenetiketten
aussiehst, und du wirst in der Öffentlichkeit nicht rauchen! Haben
wir uns verstanden?!"
Herr Claus nickte resignierend. Diese verdammten Typen hatten ihn mit
dem Vertrag in der Hand. Seit 1920! Na ja, für das Jahr 2121 besaß
er eine Ausstiegsklausel ...
Hanks Stimme unterbrach seine Überlegungen. "Also, mach's gut,
alter Junge ... und putz deine Haube!"
Das Bild erlosch.
Herr Claus konnte in über dreitausend Sprachen fluchen, und er nutzte
die Gelegenheit, um aus seinem umfangreichen Wortschatz zu zitieren.
Über den Wienerwald zogen dunkle, schneeträchtige Wolken auf.
Heftige Winde fegten durch das Wiener Becken, und auf der Hohen Warte
wurden Erschütterungen geringer Stärke im sonst erdbebensicheren
Marchfeld gemessen. Doch das war, bevor der Weihnachtsmann den Strafzettel
entdeckte.
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