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Zigaretten aus Wien

Die Weihnachtsgeschichte Teil 2
 

Der Weihnachtsmann schleuderte seine rote Zipfelmütze zu Boden und trampelte mit blindwütiger Hingabe darauf herum.
Die wenigen Menschen, die sich in der Halle aufhielten, sahen Herrn Claus erschrocken an, wandten sich aber rasch wieder ab. Ein als Weihnachtsmann verkleideter Betrunkener, der dem Original nicht im Mindesten ähnlich sah ... wen interessierte das schon?

"Holla, wos'n los?" Ein Sandler torkelte aus dem Pissoir neben der Trafik und steuerte auf Herrn Claus zu. "Beruhig di, Oida. Wüsd an Tschick?", lallte er.

Tschick? Zigarette? Der Weihnachtsmann hielt abrupt inne und blickte den in Lumpen gehüllten Mann an, der nach billigem Wein stank und ihm zitternd eine zerknitterte Schachtel hinhielt. Herr Claus griff ehrfürchtig nach der ausgestreckten Hand, als befürchte er, die Gestalt des Sandlers könnte sich bei einer zu abrupten Bewegung im Nichts auflösen. Mit zwei spitzen Fingern nahm er eine der angebotenen Zigaretten - eine ‚Dreier' - und nahm sie blitzschnell an sich.

"Brauchsd an Zund?" Der Clochard hielt ihm Zündhölzer hin. Der Weihnachtsmann riss sie ihm aus der Hand, duckte sich gegen den stetigen Luftzug in der Halle und zündete die Zigarette an.
Erleichtert sog Herr Claus am Glimmstengel. Er inhalierte den Rauch, ganz tief, bis er seinen Lungenspitzen ‚Hallo' sagen konnte. Er hustete lauthals - offensichtlich eine beginnende Verkühlung!- und lehnte sich entspannt gegen die Wand. Dankbar sah er den Sandler an, der aus blutunterlaufenen Augen zurückstarrte.
"Guter Mann, sie haben mir das Leben gerettet", sagte Herr Claus würdevoll. "Würden sie mir ihre ganze Packung verkaufen für ... sagen wir mal ... tausend Euro?"

Ernesto, der alte Sandler, setzte sein bestes Pokergesicht auf, doch es misslang. Wortlos streckte er die Hand aus, und nahm die druckfrischen Fünfhunderter entgegen. "Passt scho, danke", murmelte er und hob die Hand zum Gruß, als der Weihnachtsmann die niedergetrampelte Haube aufhob und davon stürmte.
"Hallelujah", murmelte Ernesto, als er den Verrückten nicht mehr sehen konnte, drückte sich beim Zigarettenautomaten neben der Trafik ein neues Päckchen ‚Dreier' runter, und wankte anschließend zurück zur Branntweinstube an der Ecke. Das Heilige Fest war gerettet.

***

Herr Claus fühlte sich besser. Sehr viel besser.
Er hatte zwar nicht seinen Lieblingstabak bekommen, doch in der Not durfte man nicht wählerisch sein.
Der Himmel hatte nach dem kurzen Donnerwetter aufgeklart, und so etwas wie eine melancholische Schönheit lag über Wien, als er den Westbahnhof verließ. Fröhlich pfiff Herr Claus eine Kindermelodie über den Osterhasen, knuffte Rudolf freundlich in die Seite und schwang sich auf den Kutscherbock.
Sein Bord-Videophon läutete. Schlagartig verschlechterte sich seine Laune. Er richtete die VidCam auf sein Gesicht aus. Er kannte die Rufnummer: Es war dieser PR-Mensch aus den Staaten.
"Hallo", knurrte er in das Mikrophon.
"Hi, alter Junge!" grüßte Hank, der braungebrannte, aalglatte Yuppie. "Alles okay?"
Herr Claus versteckte rasch den Zigarettenstummel hinter seinem Rücken. "Alles bestens! Ich habe bereits mit meiner Tour begonnen und wollte ..."
"Na, da schwindelt doch einer!" Hanks Grinsen gefror. "Unsere Bordsensoren zeigen, dass dein Schlitten seit mehr als zwanzig Minuten auf demselben Fleck steht. Nur das Leittier dürfte zweimal umgefallen sein." Sein Gesprächspartner nuckelte genüsslich an einer Zigarre. "Wenn du bei jedem Haus so lange brauchst, bekommen die letzten Leute im Hochsommer ihre Geschenke. Hochsommer 2008, wohlgemerkt."

Dieses widerliche kleine Arschloch will mir sagen, wie ich meine Arbeit zu verrichten habe!

Es donnerte.
Hank fuhr fort, das sardonische Grinsen beibehaltend. "Machst du schon wieder eine Zigarettenpause? Du weißt ja, ich bin dein Freund, aber wenn dich die Jungs vom Wachpersonal beim Rauchen erwischen, bist du fällig. Nein, unterbrich mich nicht! DU wolltest weg vom Nordpol und in dieses bescheidene Schlösschen in Bel Air ziehen. DU wolltest vergoldete Türgriffe, Kaugummis auf Lebenszeit - ich glaube, da hast du uns ganz schön gelegt -, Jacke und Hose aus synthetischen Stoffen, damit sie nicht so kratzen, und beheizte Stiefel. DU wolltest, dass wir deine Zwergenbrut ausrotten, weil sie so stank."
Hank holte kurz Luft. "Und wenn deine Sponsoren in Atlanta als Gegenleistung für ihre Gefälligkeiten kleine, bescheidene Forderungen stellen, so ist das nur legitim."
Hank richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf ihn. "Also: wirst du dir Nase und Wange sorgfältig pudern, damit du wie auf den Flaschenetiketten aussiehst, und du wirst in der Öffentlichkeit nicht rauchen! Haben wir uns verstanden?!"
Herr Claus nickte resignierend. Diese verdammten Typen hatten ihn mit dem Vertrag in der Hand. Seit 1920! Na ja, für das Jahr 2121 besaß er eine Ausstiegsklausel ...
Hanks Stimme unterbrach seine Überlegungen. "Also, mach's gut, alter Junge ... und putz deine Haube!"
Das Bild erlosch.
Herr Claus konnte in über dreitausend Sprachen fluchen, und er nutzte die Gelegenheit, um aus seinem umfangreichen Wortschatz zu zitieren.
Über den Wienerwald zogen dunkle, schneeträchtige Wolken auf. Heftige Winde fegten durch das Wiener Becken, und auf der Hohen Warte wurden Erschütterungen geringer Stärke im sonst erdbebensicheren Marchfeld gemessen. Doch das war, bevor der Weihnachtsmann den Strafzettel entdeckte.

 

 

 
Text: Michael Marcus Thurner
 
 
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Letzte Änderung am Donnerstag 12 Juni, 2003 22:45 von Webknecht