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Zigaretten aus Wien

Die Weihnachtsgeschichte - Teil 1
 

Herr Claus hatte schlechte Laune. Verdammt schlechte Laune.
Erstens war heute sein Arbeitstag, und so wie jedes Jahr war weltweit völlig unverständliche Hektik ausgebrochen. Zweitens hatte sein fettes Weib mittags das Rentiersteak verbrannt - nein, verkohlt! -, und das nach mehrhundertjähriger Routine. Zudem hatte der Akku seines Zweit-Handys endgültig den Geist aufgegeben, und der Tabakbeutel lag zu allem Unglück vergessen zu Hause auf der Kommode.
Und da lag das wahre Problem: Er brauchte etwas zu rauchen. Sofort. Er gierte mit jeder Faser seines Körpers nach dem Geschmack einer Selbstgewutzelten.

Wo war er gerade? Ungeduldig zerrte er an den Zügeln und zwang die Rentiere in eine enge Linksschleife.
Unter ihm breitete sich der Alte Kontinent aus. Die schneebedeckten Ausläufer eines Gebirges - offensichtlich der Ostzipfel der Alpen - mündeten in ein stark besiedeltes Flachland. Herr Claus konzentrierte seine besonderen Sinne auf die größte Stadt des Beckens.

Viele alte Leute auf den Straßen, die Häuser Grau in Grau, hauptsächlich mürrische Gesichter und höchst unfreundliche Gedanken ... das kann nur Wien sein!

Der Weihnachtsmann schnalzte, ließ die Zügel locker und brachte sein Zwölfergespann auf Abwärtskurs. Rudolf scherte unkontrolliert aus, und der Weihnachtsmann hatte Schwierigkeiten, die Kontrolle über sein Gefährt zu behalten.

Das elende Vieh ist wieder einmal an die Schnapsvorräte gegangen! Seine Nase leuchtet wie eine rote Ampel. Scheiß-Flugpersonal!

Mühsam konzentrierte sich Herr Claus auf die Stadt, auf die Verkaufsläden. Wo konnte er um diese späte Uhrzeit noch Tabak bekommen?

Was ist das für ein Gebäude? Ach ja, der Westbahnhof! Dort gibt es eine gutsortierte Trafik, wenn ich mich recht erinnere. Vor einigen Jahren bediente mich dieses stramme, wohlgeformte Mädel mit den zwei riesengroßen ...

Ein bedrohliches Donnern unterbrach seine Gedanken, bevor sie all zu tief in schmuddelige Erinnerungen abglitten.
Wütend schüttelte der Weihnachtsmann seine rechte Faust in Richtung des wolkenverhangenen Himmels. "Aber den Tabak musst du mir gönnen, sonst kannst du die Drecksarbeit alleine machen!", brüllte er nach oben.
Ein bescheidenes, leises Grummeln antwortete ihm aus der Wolkendecke.

"Na also!", grummelte Herr Claus zufrieden. "Ab nach unten."

***

Die wenigen Menschen, die eng an die Häuser geduckt durch die Straßen schlichen, achteten nicht auf das merkwürdige Gefährt, das holpernd und mit leichter Schräglage auf der Felberstraße aufsetzte.
Nur eine der ortsansässigen Huren, Susi Pospisil - Künstlername Domenica Pizarro -, glaubte, im Gespannlenker einen ihrer Stammkunden wiederzuerkennen Der Auftritt hätte zumindest zu seinen ausgefallenen Spielchen gepasst.
Doch als der Schlitten hinter dem Parkhaus des Westbahnhofs einbog, zog sich Susi enttäuscht in das Dunkel des violett bemalten Hoteleinganges zurück.
Donner und Blitz begleiteten den Lenker, der lauthals fluchte. Selbst aus der großen Entfernung verstand sie jedes Wort.
Der Mann zwängte seine Tiere in eine freie Parklücke in der Kurzparkzone. Nicht ohne Mühe, fand Susi, denn eines der Tierchen zog stetig nach links.
Dann stieg der Bärtige, der sie frappant an jemanden erinnerte, vom Kutscherbock. Er ging nach vorn, hieb dem offensichtlich desorientierten Tier auf die Nase, und flüchtete sich mit drei weiten Sprüngen in den Nebeneingang zur großen Bahnhofshalle. Ein Blitz fuhr knapp neben ihm in den Boden und setzte beinahe den Stand eines verdutzten Zeitschriftenhändlers in Flammen.
Echt merkwürdiger Typ. Susi zündete sich eine Zigarette an. Aber was soll's. Ich hab schon Schlimmere zwischen den Beinen gehabt. Sie zog einen ihrer Strümpfe hoch und dachte mit Vorfreude an das heutige Weihnachts-Special von ‚Reich und Schön'.

***

"Aus dem Weg, ihr Lurche!" Herr Claus stürmte wie ein wildgewordener Bulldozer durch die obere Kassenhalle. Einerseits hatte er es verdammt eilig, sein Arbeitstag würde reichlich lange werden. Andererseits beherrschte ihn die Vorfreude auf den ersten Zug am Glimmstängel.
Die Rolltreppe hinunter. Quer durch die untere Halle. Hinein ins Geschäft und ...
"GESCHLOSSEN!", brüllte er und rüttelte zornig an der Tür. "Wegen Weihnachtsferien geschlossen!"

 

 

 
Text: Michael Marcus Thurner
 
 
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Letzte Änderung am Donnerstag 12 Juni, 2003 22:45 von Webknecht