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Zur Sicherheit

 

Sie haben mir gesagt, ich soll in die Windel machen.

Ich verstehe das nicht.
Vor ein paar Tagen war doch noch alles in Ordnung!
Ich wohnte in meinem kleinen Zuhause. Mittags kam immer eine Frau und brachte mir eine Mahlzeit. Es war nicht unbedingt das beste Essen, das ich in meinem Leben hatte, aber es war in Ordnung. Manches Mal bekochte mich auch meine Tochter.

Das letzte Mal habe ich mich im Alter von fünf Jahren angemacht. Also vor siebenundsiebzig Jahren. Damals war es bloß Urin. Jetzt soll ich wieder in die Hose machen.

Ich habe eine Windelhose an. Sogar mit Nässeindikator. Das sind braune Streifen, vier an der Zahl, die sich von hinten nach vorne ziehen. Ist etwas in der Hose, verfärben sie sich blau. So verstand ich es, als mir eine Schwester und ihre Schülerin die Windel anlegten.
Sie übten an mir.
Na ja, irgendwo muss man ja üben. Ich finde es nur traurig, dass sie nicht mit mir sprachen. Sie fragten mich nicht, ob ich eine Windel haben möchte oder ob ich sie brauche. "Zur Sicherheit", sagten sie lediglich.

Ich kann derzeit nicht aufstehen. Meine Beine tragen mich nicht.
Gestern Abend stürzte ich, als ich mir ein Bier aus dem Eiskasten holte, und jetzt liege ich im Spital. Die Beine kann ich bewegen, aber sie tragen mich nicht.
Hoffentlich wird das bald besser. Ich will nicht in die Windel machen.

Ich dachte immer, es gibt auch Leibschüsseln, die man den Liegenden unter das Gesäß schiebt. Davon erwähnten sie aber nichts.
Nachdem sie fertig waren, war auf einmal der Drang da. Ich verlangte nach der Leibschüssel. Sie verdrehten beide die Augen und fragten, warum ich das nicht schon vorher gesagt hätte.
Was sollte ich machen? Der Drang war erst da, nachdem sie mir die Windel angelegt hatten.
"Na, dann machen sie halt in die Windel", sagte die Schwester gelangweilt.

Ich weiß nicht, wie lange ich es noch zurück halten kann. Ich will nicht in die Windel machen. Ich will nicht!
Über meinem Kopf hängt eine Glocke, mit der ich notfalls um Hilfe rufen kann. Aber ich traue mich nicht, sie zu benutzen. Ich habe Angst, dass sie wieder sagen, ich solle in die Windel machen. Ich habe Angst, dass sie wieder die Augen verdrehen. Das ist so erniedrigend.

Damals, mit fünf, als ich in die Hose machte, wäre ich am liebsten vom Erdboden verschluckt worden.
Es war eine Vorstellung im Kasperltheater. Ich hatte sie zum 5 Geburtstag geschenkt bekommen und ich hatte mich so darauf gefreut. Vor der Vorstellung war ich dermaßen nervös gewesen, dass ich vergaß, aufs Klo zu gehen. Und während der Vorstellung wollte ich nicht mehr aufstehen. Ich wollte nichts versäumen.
Dann passierte es.
Die ganze Hose wurde nass und stank fürchterlich.
Meine Eltern warteten vor dem Ausgang, aber ich lief durch den Vordereingang und hielt mich eine Zeitlang versteckt.
Zu guter Letzt fanden sie mich doch noch. Die Hose war mittlerweile trocken geworden, und ich stank entsetzlich.
Ich habe mich so geniert.

Jetzt bin ich dreiundachtzig Jahre alt. Ich habe eine Windel an und muss ganz dringend auf die Toilette. Lange kann ich es nicht mehr zurückhalten und sie werden sich bestätigt fühlen, dass es richtig war, mir eine "Schutzhose" anzulegen. Und sie werden es wieder tun.
Immer wieder.
Und ich werde in die Hose scheißen.
Immer wieder.

 
Text: Peter Miletits
 
 
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Letzte Änderung am Donnerstag 12 Juni, 2003 22:36 von Webknecht