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Enzyklopädie der Toten |
| Wer sind wir in Europa? Österreich und die Europäische Union. Perspektiven für Wissenschaft, Bildung, Kultur und Gesellschaft. |
| (Das Europäische Geschichtsbuch) |
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In Stockholm, heißt es, gibt es eine umfangreiche Bibliothek mit einer Spezialisierung, die keine zweite Sammlung der Welt aufweisen kann. Diese Bibliothek ist nur wenigen Menschen zugänglich und überhaupt nur wenigen bekannt. Der meines Wissens genaueste Bericht über sie stammt aus dem Brief einer Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien, der vor einigen Jahren auch auf Deutsch publiziert worden ist. Jene Frau hat in der Bibliothek biographisches Material über das Leben ihres Vaters gesucht und auch gefunden, wovon ihr Bericht im wesentlichen handelt. Diese Bibliothek, die "Enzyklopädie der Toten", wie sie auch genannt wird, ist offenbar das Werk einer Sekte oder Glaubensgemeinschaft, die in ihrem demokratischen Programm einer egalistischen Vision der Welt folgt mit der Absicht, die menschliche Ungerechtigkeit zu überwinden und allen Menschen denselben Status für die Ewigkeit zu sichern. Geschichte ist nach dem Konzept dieser Bibliothek die Summe menschlicher Schicksale, die Gesamtheit ephemerer Ereignisse. Das Programm dieser Bibliothek liegt damit offenbar im Widerspruch zur gängigen Geschichtsbetrachtung, die im allgemeinen vom einzelnen Menschen absehen muss, um gewisse verborgene Muster und übergeordnete Strukturen zu erkennen und zu beschreiben, ja, um die Geschehnisse irgendeines Jahrhunderts überhaupt auf einigen Buchseiten zusammenfassen zu können. Ihr Programm erscheint daher im wesentlichen auch untauglich, um daraus ein stringentes Bild der europäischen Geschichte zu konstruieren. Auf dem spanischen
1.000-Pesetas-Schein sind Hernan Cortes und Francisco Pizarro abgebildet.
Was denken wir Spanier uns dabei? Cortes hat Mexiko und die Hauptstadt
des Aztekenreiches, Tenochtitlan, erobert, er nahm dessen König Montezuma
gefangen, der dabei getötet wurde. Pizarro eroberte das Inkareich
in Peru, und er ließ dessen König Atahualpa hinrichten. Eine andere
Frage: Warum gibt es in Paris einen "Wagram", aber keinen Waterloo-Platz?
Ganz einfach, sagen wir Franzosen: die Schlacht von Wagram haben wir gewonnen,
die von Waterloo aber verloren. Haben wir
Franzosen die Napoleonischen Kriege letztendlich verloren oder vielleicht
doch wir Österreicher? Oder, bevor wir lange nach einer Antwort suchen
und keine finden: ist möglicherweise diese Frage falsch gestellt:
haben diese Kriege vielleicht in Wahrheit diejenigen Menschen gewonnen,
die sie überlebt haben, und diejenigen haben verloren, die Leben,
Wohlergehen oder Gesundheit verloren haben, ihre Freunde und Familienmitglieder?
Für
die Zeit Napoleons ist die Frage nach der Bewältigung unserer Vergangenheit
natürlich kaum mehr aktuell und auch nicht mit sonderlich vielen
Emotionen verbunden. Aber vielleicht tun wir uns gerade deshalb, durch
diesen fernen Umweg über ihn, leichter, gewisse Fallen zu erkennen
und zu umgehen, in die wir laufend tappen, wenn wir uns mit der Frage
nach Vergangenheitsbewältigung oder nach unserer Auffassung von Geschichte,
die damit eng zusammenhängt, befassen. Um eines klarzustellen: es geht hier nicht um Empfindlichkeiten von uns Franzosen oder Spaniern, sondern um eine Schieflage unserer europäischen Geschichtsbetrachtung, von Geschichtsbetrachtung, wie wir sie heute betreiben, überhaupt. Die Chance, die sich uns Europäern heute zum ersten Mal bietet, liegt im Verlust der bisherigen Muster, die uns aus unseren Geschichtsbüchern entgegenleuchten: Wir Österreicher wachsen mit uns Franzosen irgendwie unter der blauen Sternchenfahne zusammen, und aus dieser neuen Perspektive eines veränderten "wir" erkennen wir, dass fast jeder unserer historischen Triumphe zugleich auch immer eine unserer Niederlagen war. Diese Ambivalenz
der Geschichte, diese Siege, die zugleich Niederlagen sind, kommen insbesondere
uns Österreichern eingedenk unserer jüngeren Vergangenheit schon
bekannt vor, und wir haben uns bisher damit recht schwer getan. Doch vielleicht
hilft uns auch hier ein kleiner Umweg schneller zum Ziel: Waren wir
österreichischen Juden nicht tatsächlich die ersten Opfer der
nationalsozialistischen Expansionspolitik Nazi-Deutschlands? Aber Österreich?
Aber wir österreichischen Nationalsozialisten und Mitläufer
waren die ersten Täter, und mitunter im weiteren Verlauf der Geschichte
die schlimmsten. Doch mehr
noch als diese untergeordnete Bedeutung geht von dieser ausschließlichen
Betrachtung des Rahmens die Gefahr aus, dass wir eine Schieflage der Weltanschauung
als Bauplan für unsere Zukunft mitnehmen. Kann es sein,
dass wir Vergangenheit deshalb nicht bewältigen können, weil
wir - ganz nach der Lehre unserer Geschichtsbücher - nach den großen
Mustern suchen, die großen Muster aber nicht viel mit dem Erleben
der beteiligten Menschen zu tun haben? Seit kurzem gibt es in Wien ein Modell dieser Bibliothek. Dieses Modell zeigt einen Raum, dessen umgebende Wände mitsamt ihren Bücherregalen verschwunden sind, doch die Bücher selbst schweben noch, durch die zu Beton erstarrte Luft des Innenraumes gehalten, und bilden so die neue Außenwand ihres Raumes. In diesen Büchern, sagt man, seien die Lebensgeschichten derjenigen Menschen aufgezeichnet, die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Österreich geworden sind. In örtlicher
Nachbarschaft zu diesem Modell, dem Holocaust-Mahnmal auf dem Wiener Judenplatz,
arbeitet man im Museum an einem Projekt zur namentlichen Erfassung aller
Holocaustopfer Österreichs. Es ist dies ein Versuch, die Menschen
von der Rolle als unbekannte Objekte der Geschichte zu befreien und sich
ihnen auf der Ebene von Individuen zu nähern. Ich wollte möglichst viel über meinen Vater erfahren, schreibt die eingangs erwähnte Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihrem Bericht über die Bibliothek in Stockholm, um in Stunden der Verzweiflung einen Beweis zu haben, dass sein Leben nicht überflüssig gewesen war, dass es auf der Welt noch Menschen gibt, die ein jedes Leben aufzeichnen und hoch schätzen, jedes Leiden, jede menschliche Existenz. Jedes Leben,
die Geschichte aller Menschen, ist in der Enzyklopädie der Toten
aufgezeichnet, und die einzelnen Bände stehen dort, alphabetisch
geordnet, als gleiche nebeneinander. Vorerst ist diese Bibliothek noch
nicht geschrieben, vielmehr erst beschrieben, in einer Erzählung
des Schriftstellers Danilo Ki. |
| Text: Johannes Schmidl |
| (Artikel gesendet auf "Ö1") |
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Letzte
Änderung am
Donnerstag 12 Juni, 2003 22:30
von Webknecht.
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