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Draußen vor der Stadt

 

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Zufrieden saß Robert O. an jenem warmen Frühsommertag nach getaner Arbeit beim kleinen Espresso in seinem Lieblings-Kaffeehaus im Zentrum der Stadt. Die Geschäfte hatte er für heute erledigt, die Kunden waren alle zufriedengestellt, die Zeitung lag gelesen vor ihm auf dem Tisch und die kleine Blonde von gestern Abend war schon längst Vergangenheit. Grün blinkte das Mobiltelefon, rot leuchtete die Ampel, blau strahlte der Himmel und silbern glänzte die KTM. Robert O. nippte sorgenfrei an seinem Kaffee. Es war ein guter Tag. Und trotzdem, irgendwie ...

Man lebt nicht um zu arbeiten

"Zahlen, bitte!" , rief er der schwarzhaarigen Kellnerin zu, die an der Bar lehnte und versonnen ihre lackierten Fingernägel betrachtete. Lucia, so hieß die italienische Schönheit, blickte auf und schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. Sie wippte sanft mit den Hüften und sagte mit einem vielsagenden Augenaufschlag: "Du bist eingeladen, wenn du mich eine Runde mit der KTM mitnimmst."
"Gerne", gab er zur Antwort, "aber nicht jetzt, ich hab noch was vor."

Er nahm seinen Helm, seine Handschuhe und seine Crossbrille, fingerte in der Jackentasche nach dem Zündschlüssel, ging über den gepflasterten Gehsteig zum Motorrad, steckte den Schlüssel in das Schloss und drückte den Startknopf. Lucia hob die Hand zum Gruß. Robert O. stieg auf, nickte ihr freundlich zu und verließ den Platz über die neben dem Kaffeehaus gelegene Fußgängerstiege. Das war zwar nicht unbedingt erlaubt, aber der schnellste Weg.

Nichts wie raus hier

Im Drift bog er auf die Ausfahrtsstraße Richtung Westen ab. Er schlängelte sich am Stau der vierrädrigen Bürohengste vorbei, und an der Stadtgrenze riss das satte Drehmoment des Einzylindermotors die KTM aufs Hinterrad. Erst im fünften Gang berührte das Vorderrad wieder den Boden. Die Straße zog ihn weiter hinaus, die Häuser wurden rarer und die Kurvenradien enger, und als er endlich auch den Wald hinter sich gelassen hatte, war er am Ziel angelangt: Die Schottergrube draußen vor der Stadt. Die Baggerfahrer hatten schon lange Dienstschluss.

Den kleinen Erdwall am Einstieg in die Strecke nahm er in der Zweiten, den Steilhang in der Dritten, die sandige Links-Rechts-Kombination zwischen den Büschen war gerade recht für die serienmäßigen Rallyeguards, und auf der langen Geraden hatte er satte 160 am Tacho. Der Rundkurs quer durchs Gelände war knapp vier Kilometer lang und der Tank der Adventure halb voll.

Es war eine Stunde später, als Robert O. sehr entspannt die Nummer seines Lieblings-Kaffeehauses ins Telefon tippte.
"Lucia? Ich bin's. Du hast doch bald Dienstschluss, oder? Ich komme ich in einer halben Stunde vorbei und hole dich ab. Ich möchte meine Schulden bezahlen mit der KTM. Jetzt habe ich Zeit - und nichts wichtiges mehr vor."

 
Text: Karin Mairitsch
 
 
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Letzte Änderung am Sonntag 8 Juni, 2003 13:02 von Webknecht.