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Nachtflug

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Ich parke meinen Jeep am Waldrand und rutsche aus dem Auto auf die rauhreifüberzogene Wiese. Die schwarze Nachtluft des Waldviertels ist bitterkalt und totenstill. Ein frostiger Empfang, wenn man gerade aus Wien in die Heimat gereist ist - die vom pannonischen Klima des dreizehnten Wiener Gemeindebezirks verwöhnte Haut prickelt, die Augen, an die ständige Hindergrundbeleuchtung der Stadt gewöhnt, können nicht fassen, wie viele Sterne da am Himmel stehen.

Die Nase weigert sich, irgendwelche Gerüche aufzunehmen, empört ob der ungewohnten Kälte der Waldluft. Die Ohren, von der städtischen Geräuschkulisse desensibilisiert, versuchen zu lauschen und hören - nichts. Es ist windstill, nicht einmal die Bäume flüstern mir zu. Das ist einer dieser Momente, in denen einem klar wird, wie klein und unbedeutend man doch vor der Schöpfung ist. Die hohe alte Fichte am Waldrand scheint mir wesentlich realer zu sein, als ich es bin. Für einen kurzen Moment komme ich mir fast wie ein Eindringling vor - lächerlich, denke ich, als Kind habe ich hier oft gespielt… aber du bist gegangen, flüstert es in mir, du hast deine Wurzeln aus dieser Erde gezogen und versuchst jetzt, auf dem Asphalt der großen Stadt zu wachsen…

Betroffen stehe ich da, erstarrt ob dieser inneren Stimme, die so gar nicht wie meine eigene klingt. Ich weiß nicht, was ich erwidern könnte auf diesen unerwarteten Vorwurf. Die Fichte, die so viel älter ist als ich, wartet stumm auf meine Rechtfertigung. Ich gehe langsam zu ihr hinüber, unter das schützende Dach der Äste, und lege meine Hand auf den rauhen, kalten Stamm. Mit den Fingerspitzen ertaste ich die Struktur der Rinde, meine Nase erbarmt sich und lässt mich den würzigen Duft des Waldes riechen. Auf einmal durchflutet mich eine Wärme, vertreibt das seltsam klamme Gefühl aus meinem Herzen. Nein, denke ich, ich habe meine Heimat nicht wirklich verlassen - solange es mich glücklich macht, einen Baum zu berühren, ist ein Teil von mir hier.

Erleichterung durchströmt mich - ich verleugne meine Heimat nicht, auch wenn mich mein Leben in die Stadt geführt hat und ich mehr Zeit auf dem Motorrad als auf einer Wiese sitzend verbringe. Ich muß lachen, komme mir ein wenig dumm vor und zünde mir meine letzte Zigarette an - ein Sakrileg in der reinen Spätherbstluft. T´schuldigung, sage ich laut und lache wieder - ein Käuzchen antwortet mir mit seinem klagenden Schrei. Es ist Zeit zu gehen.

Ich erklettere meinen Jeep, starte den Motor und fühle, wie das Benzin im Blut die Waldluft aus den Lungen aufnimmt und sich beides in meinem Körper zu einem zündfähigen Gemisch vereint. Erster Gang, zuerst vorsichtig Gas geben auf dem matschigen Untergrund, dann lege ich die zweite nach und lasse den Jeep über den Waldweg fliegen. Im Drift der Rechtskurve tut sich im Licht der Scheinwerfer eine riesige Schlammlacke auf - gelobt sei der Allradantieb, denke ich noch, während der Motor aufheult - und dann fliegt dem Jeep schon der braune Matsch um die Außenspiegel und bedeckt den schwarzen Lack. So nehme ich mir meine Heimat mit - Waldviertler Erde, mit dem Amerikaner nach Wien gebracht.

 
Text: Maria Lhotka
 
 
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Letzte Änderung am Montag 18 November, 2002 14:15 von Webknecht