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Die Kunst ein Motorrad zu warten

Der Unterschied zwischen Träumen und Visionen liegt darin,
dass man aus Träumen irgendwann einmal aufwacht.
(Alf Poier, Kabarettist)
 

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Es ist 11 Uhr Vormittag, der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint hell und unbarmherzig. Alf Poier ist noch nicht ganz munter, die Augen sind klein, das Kabarett des letzten Abends hat nicht gleich nach der Vorstellung geendet. Doch dann sieht er die Harley, kniet ehrfürchtig vor ihr am harten Boden nieder, faltet bedächtig die Hände vor dem Gesicht zusammen, drückt behutsam die Fingerspitzen an die Stirn, murmelt leise Silben, wippt mit dem Oberkörper sanft hin und her - und betet sie an. Dann richtet er sich auf, ein strahlendes Lächeln huscht über sein Gesicht, seine blauen Augen leuchten und im schönsten Steirisch sagt er: "Wia schwa is'n dej?"
Selber besessen hat er ein Motorrad ja nie. Das mag auch damit zusammenhängen, dass er bei der Führerscheinprüfung das Fahrschulmotorrad zerstört hat: "Es war ein bisserl ein Pech. Der Lehrer hat gemeint, ich soll beim Runterschalten Zwischengas geben, das hab ich mir zu Herzen genommen, und als dann die Kurve gekommen ist, hab ich genau das gemacht, Zwischengas!, und dann bin ich wie ein Pfitschepfeil mit dem Moped die Böschung raufgeschossen und vom Hang runtergepurzelt und das war`s dann. Naja, die Sache mit dem Zwischengas ..."

Gegensätze ziehen sich an

Von sich selber sagt er, er sei ein Einzelgänger und ein unruhiger Geist. Bei den Motorrädern haben es ihm vor allem dicke, fette Chopper angetan. "Harleyfahrer treffen sich in der Gruppe und strahlen die gewisse Ruhe aus. Man ist mit sich und der Welt eins, wenn man am Motorrad sitzt." Als er noch ein Kind war, da hatte die Welt noch keinen Namen, nun nimmt er einen bedächtigen Schluck vom Cappuccino und einen tiefen Zug von der Zigarette und fügt hinzu: "Und darum geht es doch letztenendes: Mit sich und der Welt eins zu werden."
Große Fasziniation hat auf ihn das Buch "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" von Robert M. Pirsig ausgeübt. "Die ersten dreihundert Seiten sind eine Quälerei, aber die letzten 150 sind großartig. Bei all seiner Langatmigkeit ist es ein sagenhaftes philosophisches Werk. Die Wartung des Motorrades wird exemplarisch für unsere leidige Subjekt-Objekt-Haltung herangezogen wird. Genial! Denn die westliche Grundeinstellung des Dualismus zwischen dem Ich und dem Rest der Welt ist wichtig zu verstehen; sie ist Ursache der Misere unserer gesamten abendländischen Zivilisation." Große Worte eines Meisters. Puh!
Und warum hat er sich dann nie ein Motorrad gekauft? Erstens: "Besitz macht unfrei." Die Nebelmaschine für sein Programm hat er auch lieber ein paar hundert Mal gemietet, anstatt sie einfach zu kaufen. Und zweitens: "Ein Motorrad gehört eben auch gepflegt und gewartet. Und das kann ich nicht. Leider. I kaun jo eigantlich nix! Ich stelle es mir sehr befreiend vor, sich seinem Motorrad zur Gänze zu widmen, jede einzelne Schraube kennen zu lernen, den Motor zu verstehen, das Fahrwerk einzustellen, die Kabel und Leitungen zu verfolgen und das Ding in seiner ganzen Gesamtheit zu begreifen." Denn es wäre ihm so ein Anliegen, endlich einmal nicht denken zu müssen, sich einer manuellen Tätigkeit hingeben zu können, und die Gedanken, die immer (immer!) in seinem Kopf sind, endlich einmal zur Ruhe kommen zu lassen.

Frauen, Frösche, Kant und Klopapier

Alf Poier ist schnell, und ebenso ist sein Programm. Er ist ein Suchender, einer, der die Dinge verstehen muss, um sie gelten lassen zu können. Sein beruflicher Werdegang spricht eine deutliche Sprache: Aufgewachsen in einem kleinen Nest in der Nähe von Judenburg ging er nach der Handelsakademie nach Graz, wurde dort Filialleiter bei Billa, studierte Schlagzeug, war Langstreckenläufer in der österreichischen Leichtathletik-Nationalmannschaft, verdiente sich sein Geld als Kellner, Möbelpacker, Musiker, Zeitsoldat, Empfangsdame, Türenverkäufer, Russputzer und als Zeitsoldat. Und dann als Kabarettist. Sein ganzes Leben ist ständig in Bewegung. Tourneen durch Österreich und Deutschland, Fernsehshows, CD-Produktionen, die Idee für ein mystisches Musical sowie Angebote vom Film. Die Einladung zu einem Auftritt bei Kommissar Rex hat er mit einer auf Schreibmaschine getippten Antwort zu Grabe getragen: "Nur wenn ich den Rex spielen darf!"
Das Reden macht den bekennenden Einzelgänger ruhiger. Wir unterhalten uns über Kindheit in den steirischen Wäldern, über die unterschiedliche Sichtweise von Menschen und Fröschen, über Schopenhauer, Buddha, Kant, Nietzsche und andere große Köpfe, über die Unterschiede von Klopapieren, über Frauen und die Liebe, über die Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Kaffeehäferln, Schweinsbraten, geistige Freiheit und die Sinn- und Unsinnhaftigkeit von Weltanschauungen, um dann schließlich zum Sein an sich zu kommen, und der rein metaphysischen und keineswegs suizidalen Sehnsucht, das Sein einfach mal sein zu lassen.
Er ist ein Suchender, der schließlich seine Bestimmung gefunden hat. Ob sich mit seinem Beruf als Kabarettist ein Traum für ihn erfüllt hat? "Kein Traum, eine Vision! Weil aus an Traum wacht man irgendwann auf ...!" Auf der Bühne achtet er darauf, dass sein Publikum nicht nur träumt. Weil: "I wü die Leit verwurln!". Weil eben nichts so ist, wie es scheint. Nicht nur in seinen Programmen. Immer.
Am Ende des Gespräches rettet er eine Mücke aus dem zum Kaffee servierten Wasserglas, signiert die Kochmützen der von seiner Anwesenheit sichtlich begeisterten Küchenbelegschaft, rückt seine zur Trademark gewordene Mütze zurecht, verabschiedet sich mit zusammengefalteten Händen von der Harley, setzt sich in seinen mit Bühenrequisiten vollbepackten Toyota-Bus und fährt in die Kulisse zum abendlichen Auftritt.

Wir bleiben noch lange sitzen und sehen ganz schön verwurlt aus.

 
Text: Karin Mairitsch, Christoph Michalke
 
(Artikel erschienen im "Motorradmagazin")
 
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Letzte Änderung am Mittwoch 11 September, 2002 9:46 von Webknecht.